Auf den Punkt…

Erschreckend, aber wohl vollständig auf den Punkt gebracht, warum „die“ (Politiker) „uns“ (Netzvolk) nicht verstehen.

Jörg Tauss bei Abgeordnetenwatch zum Thema.

Edit! Richtiger und wichtiger Hinweis von Ramses101: Das ganze wirkt sehr wie eine Werbeveranstaltung für Herrn Tauss/Piratenpartei.
Die Frage wäre sicherlich sinnvollerweise (auch) an jemanden gegangen, der bei der SPD ist.

Qualitätsblogger. Ein wichtiger Teil des Web2.0

Seit heute bin ich offiziell Qualitätsblogger und ein wichtiger Teil des Web 2.0. Ich bitte das zu berücksichtigen!

Wie man in Twitter mitbekam, haben heute wohl einige Blogger mit Fußballaffinität eine Mail von einer großen, deutschen Zeitung bekommen, Ziel: Bewerben eines Widgets, dass diese Zeitung uns anbietet, mit der Bitte, darüber zu berichten. Warum wir das machen sollen? In Kurzform: Links.

Dass man uns umgarnt, oder mit Werbung beglückt finde ich erstmal nicht schlimm. Klar darf man mich auf Produkte aufmerksam machen, die interessant sein könnten. Das Produkt *könnte* interessant sein, von daher hab ich damit kein Problem. Aber: Wenn man sowas macht sollte man – so man denn für einen Profi-Laden arbeitet – das ganze auch professionell machen. Schauen wir uns die Mail mal in Auszügen an:

Die Anrede

Guten Tag Sebastian Grandt

Hheißt es nicht entweder “Guten Tag Herr Grandt”, oder “Hallo Sebastian”? So klingt es für mich jedenfalls irgendwie abgebrochen.

Auf der Suche nach qualitativen nicht kommerziellen Fußballseiten habe ich Ihren Blog http://www.curi0us.net/blog/tag/fussball/ entdeckt.

Das freut mich natürlich. Aber mein Blog ist unter der Adresse http://www.curi0us.net/blog zu finden. Der Deeplink auf die Seite für den Tag Fußball ist zwar richtig gesetzt, aber so wirkt es nicht so, als hätte sich der Absender weitergehend mit meinem Blog beschäftigt, außer festzustellen, dass es Curi0usities gibt und dass es hier offenbar auch um Fußball geht.

Dann wird davon gesprochen, dass es das beworbene Widget bisher nur für Clubs der ersten Liga gibt, aber wir Zweitligisten-Fans könnten ja auf allgemeine Zweitliga-Nachrichten verweisen. Hmm… Also kurz für “Eigentlich haben wir gar nichts, was Sie wirklich interessiert, aber vielleicht machen Sie es ja trotzdem”?

Weiter im Text:

Es würde mich sehr freuen wenn Sie in Ihrem Fußball-Blog […] über des […] Widget [….] berichten würden.

Ich wußte gar nicht, dass ich ein Fußball-Blog habe. Wer sich hier umsieht merkt, dass es hier sicherlich auch um Fußball geht (und dass das sicherlich ein Schwerpunkt ist)… Aber na gut, wer über die Tagseite Fußball hier her findet…

Und dass er sich freut ist logisch, denn ich soll hier ja Werbung für das Widget machen, darum geht’s ja eigentlich. Natürlich könnte man das auch mal erwähnen. Oder zumindest halbwegs mit offenen Karten spielen. Aber nun denn, unterstellt, das Widget gefiele mir, vielleicht würde ich ja – mehr oder weniger auch aus Eigenantrieb – darüber berichten. “Hey, ich habe hier jetzt ein tolles, neues Widget integriert, guckt mal.. und kostenlos ist es auch noch”… Nur

Bitte informieren Sie mich kurz sobald Sie einen Beitrag veröffentlich haben, in Zukunft planen wir einen Artikel bei […] wie

Wieso soll ICH DIE benachrichtigen? Hey, die wollen was von mir, da könnten sie ja ausnahmsweise mal mein Blog lesen? So.. für 2-3 Wochen?

Wollen meine Glaubwürdigkeit, meinen Text und meine Arbeit (denn was anderes ist es nicht, wenn ich einen Bericht über deren Widget schreibe) und bieten mir dafür nicht einmal genug Aufmerksamkeit um selbst zu merken, wenn ich (freiwillig, als Hobby, in meiner Freizeit…) über sie Berichte?

Wir sehen Qualitäts-Blogger, wie Sie, als wichtigen Teil des Web2.0.

Juhu! Ich bin Qualitäts-Blogger. Mich würde gerade echt interessieren, wen die noch angeschrieben haben. Mit wem die mich (zertifizierter Qualitäts-Blogger) noch so in einen Topf werfen. Ich meine.. Hey! Qualitäts-Blogger sollte sich wirklich nicht jeder schimpfen dürfen.

Aber ehrlich, es freut mich. Also… das mit dem wichtigen Teil des Web2.0. Wir Blogger sind ja immer eher der Meinung, wir wären total Egal. Und Web2.0 wäre auch eher das, was die anderen da so machen. So wie.. Zeitungen mit Ihren Homepages…Wow.. ich…. bin fast sprachlos. Fast! Nicht!

Kommen wir zum Ende:

Herzliche Grüße aus [xxx]

[Name]

Okay, wie war das mit den Verabschiedungen? Liebe und herzliche Grüße nur bei Personen, die man – wenigstens etwas – länger kennt. Bei denen sich bereits ein gewisses persönliches Verhältnis aufgebaut hat?

Schön, dass ich weiß wie der Herr heißt, aber wer das ist wird mir nicht mitgeteilt. Wenn ich geschäftlich Mails schreibe, steht am Ende immer so ein schöner kurzer Text, in dem steht was ich für die Firma so tue, wo meine Firma sitzt, wie man mich erreicht… Sogar meine Email-Adresse (ja, man könnte auch einfach auf reply klicken)…

Footer sagen wir hier dazu.

Ich darf übrigens im Job keine externen Mails ohne schreiben. Bekommt mein Chef das mit, bekomm ich Schimpfe. Zurecht.

Hmmm, und? Berichte ich jetzt über das ach so tolle Widget? So mit Link und so? Was meint Ihr?

Euer Qualitätsblogger!

P.S.: Außerdem heißt es das Blog. Auch wenn der Duden behauptet, „der“ ginge auch. So.

Wie man eine Generation politisiert…

Es gibt immer wieder Ereignisse, die aufgrund ihrer Bedeutung für den Einzelnen, aufgrund der Dynamik, die sie entfalten und aufgrund der medialen Präsenz und damit verbunden dem Informieren vieler weiterer quasi konstituierend für eine “Generation” sind.

Vielleicht erleben wir gerade so ein Ereignis. Vielleicht ist das gestern beschlossene “Netzsperrengesetz” und die damit verbundene Aktivität in der deutschen Web2.0-Welt, die gerade eine Generation begründet hat.

Für mich definitv. Vorher waren es alles irgendwie “Web 2.0-Fuzzis”. Wie ich. Wie Tausend andere. Und unsere Gemeinsamkeiten lagen vor allem darin, dass wir mit diesem Social Web, diesem Selbstproduzieren von Content und dem Austausch mit wildfremden Netzbürgern unseren Spaß hatten.

Und plötzlich ist alles anders. Plötzlich wird nicht mehr (nur) rumgekaspert, sondern plötzlich ist das Web 2.0 politisch geworden. Fast alle bloggen irgendwas zum Thema. Fast alle Twitteruser denen ich folge haben sich schon in irgendeiner Form politisch geäußert. Es gibt unglaublich viele großartige Postings, kreative Ideen, grafische Umsetzungen des Themas, wahnsinnig viel Aktion. Plötzlich gibt es die “Generation C64”.

Was ich selbst daran so erstaunlich finde ist, wie mitreißend diese ganze Geschichte geworden ist. Neben der angebracht starken Kritik am neuen Gesetz hat sich hier nämlich etwas entwickelt, das unsere Regierenden offenbar deutlich unterschätzen (hoffe ich). Dynamik.

René von Nerdcore hat das prima auf den Punkt gebracht: Wir sind 500.000 Teilnehmer im Netz.

500.000 Menschen, die Inhalte erstellen, Meinungen publizieren, ihren Mund aufmachen. 500.000 Menschen, die bisher über Fußball, Apple, iPhones, Gartengestaltung, Autotuning, Wetterprognosen, Beziehungen, Welt, alles geschrieben haben. Jeder für sich. Und jeder für sich hat ein paar Leser, ein paar Leser, die die anderen nicht haben. Und 500.000 Internetauftritte haben Google-Power.

500.000 Menschen, die jetzt eines gemeinsam haben: Eine politische Identität, zu einem besonderen Thema. Die plötzlich merken, welchen Wind, vielleicht auch welchen Sturm sie entfachen können, wenn sie sich vernetzen. Anders vernetzen als bisher. Die ihre digitale Identität mit der realen verknüpfen. Aufstehen, rausgehen, demonstrieren, Briefe schreiben. Meinung haben und Meinung machen.

Und diese 500.000 Menschen werden gelesen. Wer bei Google nach “Netzsperrengesetz” sucht, findet zunächst eines: Blogs und Microblogs wie Twitter.

500.000 Absender mit je 20 Lesern – um das mal Beispielhaft zu machen – sind 10 Millionen.

Was wir gerade erleben ist eine Verlagerung der Deutungshoheit. Selbst die etablierten Presseorgane haben sich zu einem nennenswerten Teil inzwischen zumindest zu den Meinungen und Stimmen aus dem Netz geäußert. Oftmals tendenziell sogar die Meinung geteilt.

Und was dahintersteckt ist einfach nur die Masse. Ich bin nicht wichtig. Und meine 5-10 bloggenden Bekannten sind es auch nicht. Aber 500.000 von uns sind wichtig. Und laut. Und werden wahrgenommen. Und wenn wir wollen, können wir verdammt viel erreichen.

Die große Koalition hat sich jetzt offenbar zum ersten Mal dort eingemischt, wo sie besser auf uns Netzbewohner gehört hätte. Eingemischt, ohne auf die Betroffenen und die Fachleute zu hören. Sie nichtmal anzuhören. Die Petition der 134.000 wurde offenbar nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass man nicht einmal die Sitzung des Petitionsausschusses abgewartet hat, bevor man das Gesetz beschließt.

Das damit demonstrierte offensichtliche Desinteresse an der demokratischen Äußerung einer nennenswerten Menge (so viele wie bisher bei keiner anderen Petition) wirft die Frage auf, ob unsere Politiker überhaupt ein Interesse daran haben, der angeblichen Politikunlust meiner Generation entgegen zu wirken.

Doch genau das Gegenteil dieser Politikunlust ist der Fall. Im Moment werden immer mehr Menschen zu politischen Menschen. Im Moment gehen Menschen zu Demonstrationen, die das vorher nie oder nur sehr selten getan hätten. Desinteressierte mischen sich ein.

Ich bin gespannt wie das ganze weitergeht. Aber ich glaube, dass unsere Regierung in den letzten Wochen einen schlafenden Hund geweckt hat. Viele schlafende Hunde. Keinen großen, schweren, gefährlichen Hund, sondern viele kleine, flinke, unabhängige Hunde.

Sollte sich die Generation C64 tatsächlich als “Gruppe” begreifen, sollten wir alle gemerkt haben, welchen gesellschaftlichen Einfluss wir haben können, dann können wir Frau v.d. Leyen fast dankbar sein, denn sie hat den ersten Stein geworfen.

Wir stehen erst am Anfang und sind noch wenige. Aber wir werden mehr. Von Tag zu Tag. Wir werden lauter, älter, erfahrener, reifer, gebildeter, wichtiger.

Dazu lesen:

Die Ennomane erklärt worum es geht.

Metronaut: Freiheit ist es wert, niemals zu resignieren

Nerdcore: Unabhängigkeitserklärung des Internets

In diesem Sinne

We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
We will be heard.

Expect us.

Danke an Nerdcore für die Inspiration.