Icke in Balin, wa?

So oder so ähnlich würden es wohl die Einheimischen ausdrücken…

Ich war also in Berlin. Ist zwar schon zwei Wochen her, aber die Chronistenpflicht ruft mich lauter, je länger es her ist. Hier also mein Bericht:

Bereits als der Spielplan für die aktuelle Saison rauskam, gab es zwei Auswärtsspiele, von denen ich wusste, dass ich sie gerne besuchen würde. Aachen und Union Berlin. Nachdem ich ja im letzten Sommer den Aachen-Plan umgesetzt hatte, stand nun also Union auf dem Programm. Dank Frau Jekylla auch mit Karte für das Spiel ausgestattet (denn auf die Idee, genau dieses Auswärtsspiel mitzunehmen, kamen offenbar noch andere).

Die Anreise erfolgte bereits am Freitag. Nachdem ich Gastraute Nedfuller und eine weitere Mitfahrerin eingesammelt hatte, fuhren wir am frühen Nachmittag durch die Nordostdeutsche Pampa. Die Autobahn war einigermassen leer, wir kamen gut durch und nach diversen Gesprächen über Ticketing, Stadiongrößen, Wunschergebnisse und sportliche Potentiale erreichen wir dann die Hauptstadt. Dieses Ereignis nutzte Herr Fuller um einmal laut “Hurra, Hurra, die Hamburger sind da!” aus dem Fenster zu gröhlen. Wo er Recht hat…

Im Hotel, eingecheckt und ein bisschen entspannen. Nachdem uns Frau Pleitegeiger im Hotel eingesammelt hatte dann weiter zum Grilltermin des Abends. Wunderbarer weise hatten die Gastgeber und Union-Blogger Steffi und Sebastian vom Textilvergehen nämlich in ihren zauberhaften Hinterhof eingeladen. Nach sowas wie 45 Minuten in der U-Bahn kamen wir an, und wurden nicht nur von den Gastgebern selbst, sondern auch von den St. Pauli-Bezugsgrupplern @Jeky und @Sparschaeler begrüsst. Der Grillabend konnte also beginnen. Bei (gefühlt selbstgedrehten) Würstchen und dem aus Hamburg mitgebrachten Kasten Astra Rotlicht wurde über so einiges gefachsimpelt, geplauscht und nebenher der Rüpel der Gastgeber von einigen mit gepflegtem Ballsport bespasst. Später am Abend gesellte sich noch Spox-Chef-Blogschauer @Gnetzer in die Runde, der zur Re:Publica in der Stadt weilte.

Als es schließlich etwas zu kühl wurde, zogen wir uns zurück in die unterschiedlichen Schlafstätten. Schließlich sollte es am nächsten Morgen früh losgehen. Die Barkassenfahrt mit der Veronica gen Stadion stand an. Um Acht mit @Nedfuller getroffen, dem Berliner Nahverkehr anvertraut und tatsächlich pünktlich am DDR Museum. Nach und nach trafen auch die anderen Mitfahrer ein, so dass wir schließlich komplett an Bord gehen konnten. Danke nochmal an @Saumselig für die Orga! Ein entspannter Trip in einer extrem durchmischten Besatzung konnte beginnen.

Gastraute und St. Pauli-Fans vereint im in die Kamera-gucken.

Man beachte die Mütze von Herrn Nedfuller. Aber wie man sieht: Alles friedlich! 🙂

Die Sonne schien, der Kaffee schmeckte und es gab Brötchen mit Käse und Ei. Ich habe selten so viel Spass gehabt, auf dem Weg in ein Stadion. Wechselgesänge mit anderen Barkassen, sinnloses Winken (und es winkt wirklich jeder zurück), schnacken und plötzlich waren wir an der Alten Försterei. Dumm nur, dass der Anleger hier gefühlt für ein Ruderboot gedacht ist. Dumm auch, dass wir mit drei Barkassen kamen. Das Aussteigen gestaltete sich also etwas komplizierter und langwieriger. Dazu kam dann noch, dass die Herren von der Polizei wohl nicht ganz damit gerechnet hatten, dass hier friedliche Fans unterschiedlicher Vereine quasi Hand in Hand aus dem Schiff kommen würden. Irritierte Blicke und eine gewisse Unsicherheit, was das “Sortieren” der Fanmassen anging, war jedenfalls die Folge.

Am Stadion trennten sich die Wege dann. Die Bezugsgruppe und ich kletterten auf die Gästetribüne auf der wir dann noch @Gnetzer einsammelten, der sich am Vormittag bei seinen Gastgebern sehen lassen musste. Kaum drin, fing das Spiel auch schon an.

Alte Försterei, Berlin.

Im Stadion kurz vor Anpfiff. Schmucke “Arena”, das!

Freistoss von Torsten Mattuschka, 1:0 für Berlin, kurz darauf Fernschuss durch Charles Takyi und es stand 1:1. Danach plätscherte es so dahin, bis kurz vor Schluss die Berliner den 2:1 Endstand erzielten. Selber Schuld, muss man unseren Jungs wohl zurufen. 60 Minuten des Spiels mehr oder weniger verpennt und primär durch eher unpräzises und inkonsequentes Spiel aufgefallen.

Naja, Schwamm drüber, inzwischen weiß ich ja auch, wie sich die Tabelle einen Spieltag später darstellt.

Ich bin ja sonst eecht nicht wirklich Berlin-Fan, also was die Stadt angeht. Aber das war schon ganz großes Auswärtsspiel-Tennis. Wenn man den sportlichen Aspket mal beiseite lässt.

Und wieder einmal fragte ich mich, warum es eigentlich nicht immer so geht… Warum es bei so vielen Vereinen (und unseren schließe ich da bewusst nicht aus) so viele Menschen gibt, die mit den Fans anderer Vereine eben kein entspanntes Bierchen trinken können.

Naja, sei es drum. Danke an die tollen Gastgeber @rudelbildung und @saumselig, danke an die Gastraute für einen Abend und U-Bahn-Netz-Fremdenführerin @pleitegeiger für den tollen Berlintrip. Und natürlich an den Rest des Rudels für einen insgesamt großartigen Fußballausflug!

Unschuldsvermutung

„Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“ (Wikipedia)

Tja. So ist das wohl. Eigentlich. Und natürlich haben diejenigen recht, die sagen, dass von dieser (leider) immer häufiger abgewichen wird. Und natürlich gibt es daran sehr viel berechtigte Kritik.

Nachdem die Polizei Hamburg eine klare „Null-Lösung (keine Gästefans) favorisiert hatte, erreichte der FC St. Pauli einen Konsens und einigte sich mit der Polizei auf folgendes Szenario:

  • Die Gastmannschaft Hansa Rostock erhält keine Stehplatzkarten.
  • Für die Nordtribüne Block N 5 im St. Pauli Stadion werden Hansa Rostock bis zu 500 Sitzplatzkarten zum personifizierten Verkauf, also gegen Vorlage von Personalpapieren, zur Verfügung gestellt.
  • Bei Einlass am Spieltag werden die Karteninhaber hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des Erwerbs überprüft.
  • Die durch den limitierten Verkauf frei bleibenden Plätze dienen als Pufferzone zwischen den rivalisierenden Fanblöcken
  • (FC St. Pauli)

Der Zusammenhang könnte klar werden: Aufgrund der Ausschreitungen und Vorfälle in den letzten (eigentlich wohl in allen bisherigen) Spielen der beiden Vereine gegeneinander wird die Unschuldsvermutung eingeschränkt. Man geht eben nicht davon aus, dass die Gästefans – also die Rostocker – “unschuldig” sind, sondern gibt Ihnen vor einem möglichen Vergehen die Schuld.

Soweit, so möglicherweise trivial und entsprechend kritikwürdig.

Die Angst vieler, dass es zu einer immer weiteren Einschränkung von “Fanrechten” kommt, dass dies nur der Anfang ist, hängt damit natürlich zusammen. Dass dies ein weiterer Schritt ist, Auswärtsfans ganz zu vermeiden. Paranoia? Möglich.

Fakt ist, dass Fußballfans (dies trifft allerdings auch für andere Gruppen zu) schon lange außerhalb der Unschuldsvermutung leben. Eskorten zum und vom Stadion, im Block bleiben müssen, bis die Abwege frei von gegnerischen Fans sind, strikte Fantrennung. Alles Eingriffe in den Alltag, die sich nur durch die Abweichung von der Unschuldsvermutung erklären lassen. Wären wir ad hoc alle unschuldig, müsste man uns nämlich nicht regulieren.

Ehrlicherweise, muss man “uns” jedoch regulieren. Uns Fußballfans als große, heterogene Gruppe. Klar, werden viele aufschreien, “mich doch nicht, ich will mich ja nicht prügeln”, aber dass es – wohl bei jedem Verein – genug Idioten gibt, die genau das wollen, deren persönliche Hemmschwelle so niedrig ist, deren Gewaltpotential so hoch, wird wohl niemand abstreiten.

Was also tun? Unreguliert laufen lassen? Das Grundrecht der Unschuldsvermutung würde dies wohl so verlangen.

Wo macht man den Schnitt?

Wo sagt man “dieser Einschnitt ist nachvollziehbar und sinnvoll, dieser nicht mehr”?

Ich kann nachvollziehen, dass man (Die Polizei, die Vereine, der Staat, wer auch immer) etwas anderes versuchen will und muss, um Verbrechen zu verhindern. Dies geht leider nur mit Einschränkungen der Unschuldsvermutung. Ob es sinnvoll ist, das Kartenkontingent zu limitieren, oder ob jetzt 1.000 gewaltbereite Rostocker nach Hamburg kommen, nur um sich zu prügeln? Ich kann es nicht beurteilen. Wir werden es erleben.

Ich kann nicht sagen, inwiefern diese Einschränkung schlimmer ist, als andere Einschränkungen. Wahrlich nicht.

Aber: Wer jetzt aufschreit, sollte doch bitte nochmal global schauen, was dazu geführt hat. Unabhängig von Recht oder Unrecht.

St. Pauli-Fans, die in Rostock mit Bengalos auf Ordner schmeissen. Hertha-Fans, die den Platz stürmen. Nürnberger, die Ihren Block abfackeln. St. Pauli-Fans, die mit Feuerzeugen und Bierbechern auf Schiedsrichter, Ordner, Spieler werfen. HSV-Fans, die irgendwo auf dem Weg zum Auswärtsspiel einen Bahnhof verwüsten.

Ein kleiner Ausschnitt, aus dem, was “man” so mitbekommt. Und ein Ausschnitt aus dem, was jeden Spieltag wieder relativiert wird.

Wenn ich mich im St. Pauli-Forum umgucke, und sehe wie viele da den Standpunkt haben, dass ein “Feuerzeugwurf ja nicht so schlimm” wäre. Dass sowas “im Eifer des Gefechts” halt mal passiere. Hallo?!

Wenn Bengalos legal wäre, wäre das ja nicht passiert (Bezug: Nürnberg). Aha?

Wir alle wissen was wir nicht dürfen. Wir alle. Und wer es nicht weiß, sollte sich schleunigst informieren. Mein Eindruck ist sogar, dass viele es machen, weil es nicht erlaubt ist. Gerade um sich gegen etwas zu positionieren.

Und sich dann wundern, wenn es eine Reaktion gibt?

Selbstkontrolle, wollen wir zeigen. Aber wo ist die Selbstkontrolle? Wo ist das funktionierende Konzept von Fans, das Fans und unbeteiligte vor den Idioten schützt?

Wir, wir St. Pauli- und Rostock-Fans schaffen es seit fast 20 Jahren nicht, ein Konzept vorzulegen, mit dem die Sicherheit der Beteiligten gewährleistet wird. Aber sich beschweren, dass jetzt andere sich damit auseinandersetzen? Noch mal ein eigenes Konzept vorlegen?

Ja, ich sehe ein Ungleichgewicht zwischen beiden Fangruppen, ich halte die Rostocker für “schlimmer”, aber darum geht es gar nicht. Ich glaube, dass ‘wir’ St. Pauli-Fans weniger Mist machen. Aber wir machen Mist. Als Gruppe. Nicht als einzelner.

Und viele aus dieser Gruppe verstehen nicht einmal den Sinn, warum man die Mistmacher persönlich zur Rechenschaft ziehen sollte. Solidarität geht einigen scheinbar über alles.

Nur: Gerade wer diese Solidarität fordert, sollte sich noch weniger darüber wundern, wenn er dann auch in Haftung genommen wird.

Wer fordert, die aktuellen Sanktionen in einen größeren Gesamtzusammenhang zu stellen, muss damit rechnen, dass auch einzelne Aktionen von Fans in einem größerem Zusammenhang gesehen werden.

Ich kann nicht final sagen, wo ich welche Einschnitte in welche Rechte am Ende noch zu rechtfertigen finde, aber ich kann nachvollziehen, dass dieser gemacht wurde.

Eine wirkliche Bewertung geht – für mich – eben nur hinterher.

Ich unterstelle aber – sogar der hamburger Polizei – zunächst mal Motive, die ich mittragen kann. Wahrung der Sicherheit. Und das geht – leider – oft nur mit einschnitten.

Sonst dürfte ich – blöde gesagt – auch bewaffnet durch die Straßen laufen (hier greift ja quasi auch die Unschuldsvermutung, solang ich niemanden erschieße, bin ich unschuldig).

Äpfel mit Birnen? Vielleicht, aber ich hoffe es wird klar, was ich meine.

Und nun los. Zerlegt mich.