Kopiermaschinen

Mal wieder ein Lesetipp:

Kristian Köhntopp hat einen wundervollen Beitrag über uns Netzbewohner verfasst.
Darin zeigt er auf, warum das Internet für uns so wichtig und zugleich wo die großen Unterschiede zu den “Alten Männern mit Kugelschreibern” sind.

Wie man eine Generation politisiert…

Es gibt immer wieder Ereignisse, die aufgrund ihrer Bedeutung für den Einzelnen, aufgrund der Dynamik, die sie entfalten und aufgrund der medialen Präsenz und damit verbunden dem Informieren vieler weiterer quasi konstituierend für eine “Generation” sind.

Vielleicht erleben wir gerade so ein Ereignis. Vielleicht ist das gestern beschlossene “Netzsperrengesetz” und die damit verbundene Aktivität in der deutschen Web2.0-Welt, die gerade eine Generation begründet hat.

Für mich definitv. Vorher waren es alles irgendwie “Web 2.0-Fuzzis”. Wie ich. Wie Tausend andere. Und unsere Gemeinsamkeiten lagen vor allem darin, dass wir mit diesem Social Web, diesem Selbstproduzieren von Content und dem Austausch mit wildfremden Netzbürgern unseren Spaß hatten.

Und plötzlich ist alles anders. Plötzlich wird nicht mehr (nur) rumgekaspert, sondern plötzlich ist das Web 2.0 politisch geworden. Fast alle bloggen irgendwas zum Thema. Fast alle Twitteruser denen ich folge haben sich schon in irgendeiner Form politisch geäußert. Es gibt unglaublich viele großartige Postings, kreative Ideen, grafische Umsetzungen des Themas, wahnsinnig viel Aktion. Plötzlich gibt es die “Generation C64”.

Was ich selbst daran so erstaunlich finde ist, wie mitreißend diese ganze Geschichte geworden ist. Neben der angebracht starken Kritik am neuen Gesetz hat sich hier nämlich etwas entwickelt, das unsere Regierenden offenbar deutlich unterschätzen (hoffe ich). Dynamik.

René von Nerdcore hat das prima auf den Punkt gebracht: Wir sind 500.000 Teilnehmer im Netz.

500.000 Menschen, die Inhalte erstellen, Meinungen publizieren, ihren Mund aufmachen. 500.000 Menschen, die bisher über Fußball, Apple, iPhones, Gartengestaltung, Autotuning, Wetterprognosen, Beziehungen, Welt, alles geschrieben haben. Jeder für sich. Und jeder für sich hat ein paar Leser, ein paar Leser, die die anderen nicht haben. Und 500.000 Internetauftritte haben Google-Power.

500.000 Menschen, die jetzt eines gemeinsam haben: Eine politische Identität, zu einem besonderen Thema. Die plötzlich merken, welchen Wind, vielleicht auch welchen Sturm sie entfachen können, wenn sie sich vernetzen. Anders vernetzen als bisher. Die ihre digitale Identität mit der realen verknüpfen. Aufstehen, rausgehen, demonstrieren, Briefe schreiben. Meinung haben und Meinung machen.

Und diese 500.000 Menschen werden gelesen. Wer bei Google nach “Netzsperrengesetz” sucht, findet zunächst eines: Blogs und Microblogs wie Twitter.

500.000 Absender mit je 20 Lesern – um das mal Beispielhaft zu machen – sind 10 Millionen.

Was wir gerade erleben ist eine Verlagerung der Deutungshoheit. Selbst die etablierten Presseorgane haben sich zu einem nennenswerten Teil inzwischen zumindest zu den Meinungen und Stimmen aus dem Netz geäußert. Oftmals tendenziell sogar die Meinung geteilt.

Und was dahintersteckt ist einfach nur die Masse. Ich bin nicht wichtig. Und meine 5-10 bloggenden Bekannten sind es auch nicht. Aber 500.000 von uns sind wichtig. Und laut. Und werden wahrgenommen. Und wenn wir wollen, können wir verdammt viel erreichen.

Die große Koalition hat sich jetzt offenbar zum ersten Mal dort eingemischt, wo sie besser auf uns Netzbewohner gehört hätte. Eingemischt, ohne auf die Betroffenen und die Fachleute zu hören. Sie nichtmal anzuhören. Die Petition der 134.000 wurde offenbar nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass man nicht einmal die Sitzung des Petitionsausschusses abgewartet hat, bevor man das Gesetz beschließt.

Das damit demonstrierte offensichtliche Desinteresse an der demokratischen Äußerung einer nennenswerten Menge (so viele wie bisher bei keiner anderen Petition) wirft die Frage auf, ob unsere Politiker überhaupt ein Interesse daran haben, der angeblichen Politikunlust meiner Generation entgegen zu wirken.

Doch genau das Gegenteil dieser Politikunlust ist der Fall. Im Moment werden immer mehr Menschen zu politischen Menschen. Im Moment gehen Menschen zu Demonstrationen, die das vorher nie oder nur sehr selten getan hätten. Desinteressierte mischen sich ein.

Ich bin gespannt wie das ganze weitergeht. Aber ich glaube, dass unsere Regierung in den letzten Wochen einen schlafenden Hund geweckt hat. Viele schlafende Hunde. Keinen großen, schweren, gefährlichen Hund, sondern viele kleine, flinke, unabhängige Hunde.

Sollte sich die Generation C64 tatsächlich als “Gruppe” begreifen, sollten wir alle gemerkt haben, welchen gesellschaftlichen Einfluss wir haben können, dann können wir Frau v.d. Leyen fast dankbar sein, denn sie hat den ersten Stein geworfen.

Wir stehen erst am Anfang und sind noch wenige. Aber wir werden mehr. Von Tag zu Tag. Wir werden lauter, älter, erfahrener, reifer, gebildeter, wichtiger.

Dazu lesen:

Die Ennomane erklärt worum es geht.

Metronaut: Freiheit ist es wert, niemals zu resignieren

Nerdcore: Unabhängigkeitserklärung des Internets

In diesem Sinne

We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
We will be heard.

Expect us.

Danke an Nerdcore für die Inspiration.

Das netzfreie Recht

Ich bin ja sicher lange nicht der einzige, der in den letzten Wochen und Monaten viele kluge, weniger kluge, polemische oder dröge Texte zum Internet als solches, zur gesellschaftlichen Integration, zu den Konsequenzen von Killerspielen, zu den Auswirkungen von Freiheit etc. gelesen hat.

Das Thema ist in Kleinbloggersdorf und in Twitterhausen im Moment ja auch ganz weit oben, auf der Tagesordnung. Gleich nach dem neuen iPhone. Und Fußball! ;-)

Meine Eltern kauften sich einen 64er, als ich noch tief in der Grundschule steckte. Mein kindliches Sozialleben bestand daraus, dass wir bei dem einene Freund im Garten Fußball spielten, bei dem anderen Freund in der Wohnung saßen und mit Autos spielten und eben bei mir zuhause am 64er sassen und am Bildschirm spielten. Decathlon. Autorennen. Das muß sowas wie 1984 gewesen sein.

Mein bester Freund hatte auch einen 64er. Stundenlang saßen wir zu zweit oder zu dritt mit seinem Bruder davor und spielten. Zu zweit, zu dritt. Zusammen. Über den Computer lernte ich bereits damals andere Menschen kennen. Einen Teil der Freunde von Freunden lernte ich nur kennen, weil “Die auch einen haben”. Soziales leben durch nicht statt des Computers.

Heute, 25 Jahre später lebe ich mit mindestens einem Bein online. Einen großen Teil meines Freundeskreises kenne ich “aus dem Netz”. Ich habe wichtige und weniger wichtige Freundschaften geschlossen. Online. In den letzten 12 Monaten habe ich mindestens 15 Menschen persönlich kennengelernt, ausschließlich weil ich blogge und twittere. Kennengelernt im richtigen Leben. Hier, im Internet.

Ich bin Teil der Generation C64, aber ich bin viel mehr, ich bin Teil der Generation Always On, der Generation Amiga 500, der Generation iPhone. Ich arbeite im und mit “dem Netz”, lebe in und mit “dem Netz”, konsumiere und veräußere hier Waren, lese und schreibe her. Wenn ich etwas ulkiges oder spannendes erlebe ist einer der ersten Gedanken “kann ich das bloggen? Twittern? Wo ist mein Handy?”.

Das Internet ist für mich inzwischen Kneipe, Clubheim, Dorfzeitung, Fernseher, Arbeitsplatz, Bibliothek, Arzt, Freund, Feind, Leben. Es ist kein Werkzeug mit dem ich bestimmte Ziele erreichen kann, es ist viel mehr. Es ist ein integraler Bestandteil meines Lebens.Mit millionen Facetten.

Soviel zu meinem Selbstverständnis.

Wenn ich mir ansehe, wer auf der anderen Seite des Zauns “Internetbewohner” lebt, sehe ich auch Menschen, für die das hier alles maximal ein mehr oder weniger praktisches Werkzeug ist. “Ging ja auch vorher, geht ja auch ohne”. Die “das Netz” vielleicht als das verstehen, was es ganz am Anfang einmal sein sollte. Information.

Für die das Internet vielleicht ab und zu mal Ersatz für den Buchladen ist, vielleicht Ersatz für die Post, vielleicht sogar Ersatz für die Tageszeitung oder die Enzyklopädie. Aber eben nicht mehr. Nicht mehr als Ersatz.
Und mit diesem Selbstverständnis ist klar, dass man ohne Nachdenken, ohne ein Gefühl für die Tragweite von Einschnitten Dinge verändern, sperren, zensieren, rausnehmen kann, ohne das es subektiv ein Problem ist.
Blöde gesagt: Wenn wir hier einen Buchladen schließen, gibt’s ja noch den im Einkaufszentrum, der ist eh viel gemütlicher als dieses Internet und außerdem kommen diese Stubenhocker dann auch mal raus. Und das man im Fernsehen um 18:00 keine Filme ab 18 sehen darf stört doch auch keinen.
Wichtige Informationen verschicken die nämlich immer noch per Post. Nicht per Mail, FTP, ICQ. Gespräche finden am Telefon statt, nicht über Skype, nicht vor der Webcam.

Ein wesentlicher Teil derjenigen, die in unserem Land (und vermutlich ist das in anderen Ländern nicht großartig anders) Recht schaffen, gehören zu denen. Das ist soweit erstmal gar nicht weiter schlimm, nicht weiter verwerflich. Das Problem ist, dass man aus ihrer Perspektive nicht verstehen kann, was hier passiert. Und offenbar oft auch nicht versteht oder einsieht, dass “das Internet” alles, aber kein Rechtsfreier Raum ist. Aber ein anderer Raum als alles, was wir sonst so kennen. Anstatt volksverhetzende Bücher “einfach” aus dem Verkehr zu ziehen, reicht es hier nicht die Quelle zu löschen, es gibt unter Umständen nämlich schon tausende Kopien.

Nur: Wenn ich hier einen Film “klaue” und erwischt werde, werde ich dafür bestraft. Genau so, wie ich bestraft würde, erwischte man mich dabei wie ich im Medienmarkt eine DVD einstecken würde, ohne zu zahlen. Wenn ich hier – und wenn es auch nur in einem kleinen Kommentar ist – jemanden Beleidige, kann ich dafür Angezeigt und – wenn es das Gericht so will – verurteilt werden. Und hier steht das ganze schwarz auf weiß. Nicht Aussage gegen Aussage.

Aber scheinbar will das nicht in die Köpfe derer, die unser Recht in ihren Händen halten. Ihr recht basiert auf dem, was ihnen vertraut ist. Das Leben da draußen, auf der Straße, in den Buchläden. Nicht auf diesem Leben hier. Das ist nämlich das eigentliche Problem. Nicht das “rechtsfreie” Internet (das es de facto nicht gibt), sondern das Internetfreie Recht. Das Recht, das sich in den Köpfen der Menschen entwickelt, die nicht im sondern maximal neben dem Internet leben.

Wir brauchen nicht mehr Recht im Netz, wir brauchen mehr Netz im Recht!