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Unschuldsvermutung

March 17, 2010 · Abgelegt unter Fussball, Politik · 10 Comments 

„Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“ (Wikipedia)

Tja. So ist das wohl. Eigentlich. Und natürlich haben diejenigen recht, die sagen, dass von dieser (leider) immer häufiger abgewichen wird. Und natürlich gibt es daran sehr viel berechtigte Kritik.

Nachdem die Polizei Hamburg eine klare „Null-Lösung (keine Gästefans) favorisiert hatte, erreichte der FC St. Pauli einen Konsens und einigte sich mit der Polizei auf folgendes Szenario:

  • Die Gastmannschaft Hansa Rostock erhält keine Stehplatzkarten.
  • Für die Nordtribüne Block N 5 im St. Pauli Stadion werden Hansa Rostock bis zu 500 Sitzplatzkarten zum personifizierten Verkauf, also gegen Vorlage von Personalpapieren, zur Verfügung gestellt.
  • Bei Einlass am Spieltag werden die Karteninhaber hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des Erwerbs überprüft.
  • Die durch den limitierten Verkauf frei bleibenden Plätze dienen als Pufferzone zwischen den rivalisierenden Fanblöcken
  • (FC St. Pauli)

Der Zusammenhang könnte klar werden: Aufgrund der Ausschreitungen und Vorfälle in den letzten (eigentlich wohl in allen bisherigen) Spielen der beiden Vereine gegeneinander wird die Unschuldsvermutung eingeschränkt. Man geht eben nicht davon aus, dass die Gästefans – also die Rostocker – “unschuldig” sind, sondern gibt Ihnen vor einem möglichen Vergehen die Schuld.

Soweit, so möglicherweise trivial und entsprechend kritikwürdig.

Die Angst vieler, dass es zu einer immer weiteren Einschränkung von “Fanrechten” kommt, dass dies nur der Anfang ist, hängt damit natürlich zusammen. Dass dies ein weiterer Schritt ist, Auswärtsfans ganz zu vermeiden. Paranoia? Möglich.

Fakt ist, dass Fußballfans (dies trifft allerdings auch für andere Gruppen zu) schon lange außerhalb der Unschuldsvermutung leben. Eskorten zum und vom Stadion, im Block bleiben müssen, bis die Abwege frei von gegnerischen Fans sind, strikte Fantrennung. Alles Eingriffe in den Alltag, die sich nur durch die Abweichung von der Unschuldsvermutung erklären lassen. Wären wir ad hoc alle unschuldig, müsste man uns nämlich nicht regulieren.

Ehrlicherweise, muss man “uns” jedoch regulieren. Uns Fußballfans als große, heterogene Gruppe. Klar, werden viele aufschreien, “mich doch nicht, ich will mich ja nicht prügeln”, aber dass es – wohl bei jedem Verein – genug Idioten gibt, die genau das wollen, deren persönliche Hemmschwelle so niedrig ist, deren Gewaltpotential so hoch, wird wohl niemand abstreiten.

Was also tun? Unreguliert laufen lassen? Das Grundrecht der Unschuldsvermutung würde dies wohl so verlangen.

Wo macht man den Schnitt?

Wo sagt man “dieser Einschnitt ist nachvollziehbar und sinnvoll, dieser nicht mehr”?

Ich kann nachvollziehen, dass man (Die Polizei, die Vereine, der Staat, wer auch immer) etwas anderes versuchen will und muss, um Verbrechen zu verhindern. Dies geht leider nur mit Einschränkungen der Unschuldsvermutung. Ob es sinnvoll ist, das Kartenkontingent zu limitieren, oder ob jetzt 1.000 gewaltbereite Rostocker nach Hamburg kommen, nur um sich zu prügeln? Ich kann es nicht beurteilen. Wir werden es erleben.

Ich kann nicht sagen, inwiefern diese Einschränkung schlimmer ist, als andere Einschränkungen. Wahrlich nicht.

Aber: Wer jetzt aufschreit, sollte doch bitte nochmal global schauen, was dazu geführt hat. Unabhängig von Recht oder Unrecht.

St. Pauli-Fans, die in Rostock mit Bengalos auf Ordner schmeissen. Hertha-Fans, die den Platz stürmen. Nürnberger, die Ihren Block abfackeln. St. Pauli-Fans, die mit Feuerzeugen und Bierbechern auf Schiedsrichter, Ordner, Spieler werfen. HSV-Fans, die irgendwo auf dem Weg zum Auswärtsspiel einen Bahnhof verwüsten.

Ein kleiner Ausschnitt, aus dem, was “man” so mitbekommt. Und ein Ausschnitt aus dem, was jeden Spieltag wieder relativiert wird.

Wenn ich mich im St. Pauli-Forum umgucke, und sehe wie viele da den Standpunkt haben, dass ein “Feuerzeugwurf ja nicht so schlimm” wäre. Dass sowas “im Eifer des Gefechts” halt mal passiere. Hallo?!

Wenn Bengalos legal wäre, wäre das ja nicht passiert (Bezug: Nürnberg). Aha?

Wir alle wissen was wir nicht dürfen. Wir alle. Und wer es nicht weiß, sollte sich schleunigst informieren. Mein Eindruck ist sogar, dass viele es machen, weil es nicht erlaubt ist. Gerade um sich gegen etwas zu positionieren.

Und sich dann wundern, wenn es eine Reaktion gibt?

Selbstkontrolle, wollen wir zeigen. Aber wo ist die Selbstkontrolle? Wo ist das funktionierende Konzept von Fans, das Fans und unbeteiligte vor den Idioten schützt?

Wir, wir St. Pauli- und Rostock-Fans schaffen es seit fast 20 Jahren nicht, ein Konzept vorzulegen, mit dem die Sicherheit der Beteiligten gewährleistet wird. Aber sich beschweren, dass jetzt andere sich damit auseinandersetzen? Noch mal ein eigenes Konzept vorlegen?

Ja, ich sehe ein Ungleichgewicht zwischen beiden Fangruppen, ich halte die Rostocker für “schlimmer”, aber darum geht es gar nicht. Ich glaube, dass ‘wir’ St. Pauli-Fans weniger Mist machen. Aber wir machen Mist. Als Gruppe. Nicht als einzelner.

Und viele aus dieser Gruppe verstehen nicht einmal den Sinn, warum man die Mistmacher persönlich zur Rechenschaft ziehen sollte. Solidarität geht einigen scheinbar über alles.

Nur: Gerade wer diese Solidarität fordert, sollte sich noch weniger darüber wundern, wenn er dann auch in Haftung genommen wird.

Wer fordert, die aktuellen Sanktionen in einen größeren Gesamtzusammenhang zu stellen, muss damit rechnen, dass auch einzelne Aktionen von Fans in einem größerem Zusammenhang gesehen werden.

Ich kann nicht final sagen, wo ich welche Einschnitte in welche Rechte am Ende noch zu rechtfertigen finde, aber ich kann nachvollziehen, dass dieser gemacht wurde.

Eine wirkliche Bewertung geht – für mich – eben nur hinterher.

Ich unterstelle aber – sogar der hamburger Polizei – zunächst mal Motive, die ich mittragen kann. Wahrung der Sicherheit. Und das geht – leider – oft nur mit einschnitten.

Sonst dürfte ich – blöde gesagt – auch bewaffnet durch die Straßen laufen (hier greift ja quasi auch die Unschuldsvermutung, solang ich niemanden erschieße, bin ich unschuldig).

Äpfel mit Birnen? Vielleicht, aber ich hoffe es wird klar, was ich meine.

Und nun los. Zerlegt mich.

Mondlandung in Rostock

November 4, 2009 · Abgelegt unter Fussball · 7 Comments 

Ich weiß, ich bin spät. Andererseits, bei nem Freitagsspiel am Sonntag den Beitrag schreiben passt, das sind auch 3 Tage, also.. Am Mittwoch den Beitrag für das Montagsspiel. Ist schon okay.

Rostock ist ja schon immer unser besonderer Lieblingsclub gewesen, von daher natürlich nicht nur auf dem Platz Brisanz . Und natürlich entsprechend groß der Jubel, als wir dann nach 90 Minuten mit 2:0 vom Platz.. äh… anders

Als Deniz Naki nach 90 Minuten die St. Pauli-Flagge in den Rasen der DKB-Arena steckte, war die Begeisterung gigantisch. Für mich auch immer noch ein sensationelles Bild. Ganz großes Kino, auch wenn das evtl. ewas übermotiviert war, aber.. Hachz. So will Fan das doch, nä?

Sicher, das Spiel war nicht überragend, aber wer am Ende mit 2:0 vorn liegt, hat in der Regel auch verdient gewonnen. Hinten überwiegend sicher gestanden. Und vorne ging halt erstmal nur wenig. Aber am Ende ging halt das entscheidende. Zwei Tore. Fein.

Was nicht ging, war das Pyrogezündele im St. Pauli Block. Bei aller Toleranz, das ist vor allem erstmal dumm. Und diejenigen, die meinen, man müsse sich ja gegen Rostock wehren und die hätten angefangen.. Hallo? Nehmt ihr jetzt Pyros mit, für den Fall, dass was passiert? Und wieso glaube ich euch das nicht? Wenn wir zuhause das nicht von anderen sehen wollen, dürfen wir das erst recht nicht woanders machen. Naja.

Was zumindest grenzwertig war, war Deniz Nakis “Torjubel” mit der Halsabschneider-Geste. Ich persönlich finde das ja gar nicht weiter schlimm. Ich seh auch keine verletzte Vorbildfunktion. Dazu sind so Gesten für mich auch einfach inzwischen zu beliebig (und ich bin Internetsozialisiert. “Geh sterben” lässt mich ja auch nicht zucken). Aber es war dumm. Dumm, weil man den DfB kennt (und ich finde 3 Spiele Sperre dafür deutlich übertrieben, wenn man überlegt, was sonst noch so mit 3 Spielen bestraft wird). Dumm, weil man damit den Idioten noch mehr Gründe zum Ausrasten gibt. Aber nun gut, der Junge ist 20, da muß man dann auch mal etwas Toleranz ihm gegenüber zeigen.  Und wenn ich lese, dass er sich wohl munter Beschimpfungen wie “Kanake” anhören mußte (super, ey, der ist DEUTSCHER U21 Nationalspieler, ihr Idioten! Nicht, dass die Beschimpfung sonst okay wäre…), ist zumindest nachvollziehbar, warum er nicht vollständig gelassen gegenüber dem rostocker Anhang war.

Naja, dafür – siehe oben – fand ich die Mondlandung einfach nur großartig.
Sorry, aber sowas muß sein. Das ist für ich auch nicht mal annährend unsportlich, sondern einfach nur cool. Und da würde ich mich auch nicht beklagen, wenn das Gegner bei uns machen.

Und damit dann auch das Fazit: GEWONNEN! IN ROSTOCK! WOOOOHOOOW! Danke Deniz. Danke Matze. Danke FC St. Pauli!

Strategische Niederlagen

May 17, 2009 · Abgelegt unter Fussball · 5 Comments 

Manchmal – so ungefähr einmal alle 5 Jahre – gibt es ein Spiel bei denen ich es sogar irgendwie ganz gut finde, wenn meine Mannschaft verliert. Das sind so Spiele, bei denen ich mir wirklich sicher sein kann, dass ein Sieg des FC St. Pauli auch nichts ändern würde, aber eine Niederlage vielleicht schon. So war das dann heute wohl mal einer dieser Spieltage. Da ich nicht gegen meine Mannschaft sein kann, habe ich heute das Spiel einfach mal gepflegt ignoriert. Im Wald ein Buch lesen, war der Plan. Dass mir dann Regen dazwischen kam ist zwar unschön, tut hier aber eigentlich nix zur Sache!

Warum also sollte mein Club heute verlieren?

Der eine oder die andere erinnert sich vielleicht noch an unsere besonderen Freunde von der Ostseeküste (Nein, nicht Kiel, nicht Lübeck, Rostock…). Ich hab damals ja was über das 3:2 geschrieben, und wer mag möge mal einen Blick auf die Kommentare werfen…

Also die besondere Zuneigung die wir Rostock entgegenbringen, wird ooffensichtlich geteilt. Was liegt da näher, als sich irgendwie zu wünschen, dass wir unsere spezielle Beziehung nicht noch ein weiteres Jahr in der Praxis ausleben müssen?

Also hoffe ich natürlich, dass Rostock absteigt. Damit das passieren kann, müssen aber auch die Rostock in der Tabelle umgebenden Teams mal gewinnen.
Nun liegt St. Pauli sicher auf dem 8. Platz, nach oben geht eigentlich nix, und nach unten auch nicht, es sei denn Oberhausen holt am letzten Spieltag auf die Schnelle 6 Tore auf. Dann wären wir nur noch 9. Auch nicht wirklich die Katastrohpe (abhängig davon, wie die anderen Spiele da unten am nächsten Sonntag ausgehen, kann es durchaus sein, dass ich ein bisschen für Frankfurt bin… gleiche Argumentation wie heute). Also konnte ich heute ruhigen Gewissens ein bisschen für Koblenz sein, und – siehe da – St. Pauli machte das, was es auswärts eigentlich immer macht, verlor.

Wenn die doofen Osnabrücker gegen Ahlen gewonnen hätten, wäre es fast schon der optimale Spieltag gewesen, nagut, Nürnberg (Hallo? Aufstiegsplatz) hätte in Koggetown gewinnen können, aber immerhin wird es nächsten Spieltag nochmal spannend zu sehen,  wie sich die beiden auf fremden Plätzen schlagen. Wehen Wiesbaden – der Rostocker Gegner ist zwar irgendwie gefährlich schwach, aber hey, St. Pauli hat da auch verloren. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Lustiger Nebeneffekt der Ergebnisse heute: Fürth steigt wieder nicht auf. Schadeschadeschade… NICHT.

Mit Freiburg, Mainz und Nürnberg kann ich ganz gut leben, jedenfalls deutlich besser als mit Kaiserslautern oder Fürth. Und die Absteiger tun sich alle nicht so echt was, Wehen oder Ingolstadt sind mir einfach egal.

Mal gucken, was nächste Woche passiert. Vielleicht schafft Wehen-Wiesbaden es ja doch noch, mir eine Freude zu bereiten.

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