Gastbeitrag: Ich muss das loswerden, sonst platze ich!

Manchmal muss man einfach mal was loswerden. @TantePolly hat mich gefragt, ob ich ihren Beitrag als Gastbeitrag veröffentliche.

Und da ich die Grundgedanken teile – gern. Lesen!

Du sitzt im Kino. Es läuft „Loving“, ein Film darüber, wie Mildred und Richard Loving 1967 einen Rechtsstreit führten und gewannen, der das bis dahin bestehende Verbot von sogenannten „Mischehen“ außer Kraft setzte.

Du sitzt im Kino und bist erleichtert, dass solche Gesetze der Vergangenheit angehören und Rassismus – zumindest vor dem Gesetz – nicht mehr in Ordnung ist.

Und dann triffst du auf dem Heimweg auf zwei junge Männer, denen das so gar nichts nützt. Sie dürften beide so um die 20 sein, der eine vielleicht auch jünger. Die beiden sind POC und stehen drei oder vier Weißen gegenüber und sie streiten sich. Das Ganze scheint jeden Augenblick zu eskalieren und ich mache, was ich immer mache, wenn ich so etwas erlebe: Ich gehe hin. Ich kann einfach nicht anders, als mich in solchen Situationen einzumischen. Nennt dieses Verhalten von mir aus naiv oder größenwahnsinnig! Aber was soll ich sonst auch tun? Es hilft ja mal wieder kein anderer.

Gerade, als ich ankomme, kommt auch die S-Bahn. Die Weißen verschwinden in einen der vorderen Waggons, die beiden Männer nehmen einen weiter hinten und ich folge ihnen. Inzwischen ist mir klar, dass der jüngere der beiden betrunken und nicht gerade in friedlicher Stimmung ist. Der andere versucht ihn mit mäßigem Erfolg zu beruhigen. In einem Mischmasch aus Deutsch, Englisch und einer mir unbekannten Sprache flucht der erste über Germany und giftet, dass wir doch alle Rassisten seien. Der andere bemerkt, dass ich sie beobachte und versucht mir in gebrochenem Englisch zu erklären, dass ich mir keine Sorgen machen soll und sein Begleiter, der mich prompt Rassistin nennt, nichts Böses wolle. Wortlos öffne ich meinen Rucksack, krame einen „Gegen Rassismus“-Sticker raus und reiche ihn ihm, dann setze ich mich zu ihnen.

„I don’t know him, but I don’t want to leave him alone.“ sagt der andere zu mir und sieht mich verzweifelt an. Bis Altona erfahre ich von den beiden, dass beide aus Nigeria stammen, der Nüchterne von den beiden schon etwas länger in Hamburg ist und der andere erst seit kurzer Zeit.

(Nigeria:

  • Todesstrafe auch für Minderjährige
  • Wer sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, kommt fünf Jahre ins Gefängnis
  • Gefangene (und besonders politische Gefangene) werden gefoltert und Misshandelt
  • Impfen ist in Teilen des Landes verboten
  • Kinder werden verschleppt und zu Kindersoldaten ausgebildet
  • Nicht mal jeder Zweite hat Zugang zu sauberem Trinkwasser
  • Kranke, Arme und Alte sind auf Familienhilfe angewiesen, nur Regierungsbedienstete kommen in den Genuss öffentlicher Fürsorge)

 

Gestern gab es Streit mit anderen Geflüchteten. Die einen waren Christen, die anderen Muslime. Sie stritten sich also wegen ihrer unterschiedlichen Religionen und plötzlich zog einer ein Messer. Der Junge mir schräg gegenüber (er kommt mir mit der Zeit immer jünger vor, aber ich traue mich nicht zu fragen, ob er schon volljährig ist, aus Angst, er könne es sein und dann abhauen), weint und deutet auf eine ca. 10 cm lange Schramme auf seiner Wange. Die Wunde ist nur oberflächlich, schon verschorft und offenbar nicht behandlungsbedürftig, doch ich kann mir lebhaft vorstellen, was für ein Schock es gewesen sein muss, das Messer kommen zu sehen und zu spüren, wie die Klinge die eigene Haut aufschlitzt. Ich reiche ihm eine Packung Taschentücher und sein Begleiter erklärt mir, dass der Junge wohl schon gestern bei der Polizei war, um Anzeige zu erstatten, doch die Beamten schickten ihn mit der Begründung weg, sie könnten ihn nicht verstehen.

(Verdammt nochmal! Mein Englisch ist miserabel und in Nigeria verbreitete Sprachen kann ich auch nicht und ich habe es geschafft, mich mit den beiden zu unterhalten. Wie kann man nur so faul und/oder gleichgültig sein?!)

Der Junge nickt bekräftigend und flucht im Allgemeinen über uns Deutsche, die wir alle Rassisten seien und insbesondere über die Polizei und wirft wutentbrannt die Taschentücher und den Aufkleber auf den Boden. Unsere Blicke treffen sich. Er entschuldigt sich verschämt und sammelt alles wieder ein. Ich streichle über seinen Rücken und er fängt wieder an zu weinen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er auf seiner Flucht nach Deutschland und davor alles erlebt hat. Oder wie alt er wirklich ist.

Inzwischen stehen wir in Altona am Busbahnhof und der andere und ich schauen uns unschlüssig an. Es ist spät, wir wollen eigentlich beide nach Hause, trauen uns aber nicht, den Jungen hier so alleine stehen zu lassen. Der redet nun davon, nun unbedingt nochmal zur Polizei zu wollen, um Anzeige zu erstatten. Aber was passiert dann? Was machen Polizisten mit einem jungen, offensichtlich betrunkenen, vielleicht noch nicht mal volljährigen Geflüchteten? Und was macht das dann mit ihm? Wir versuchen ihn davon zu überzeugen, nach Hause zu gehen, sich auszuschlafen und den Besuch bei der Polizei auf morgen zu verschieben. Ich schreibe ihm Adresse und Telefonnummer der nächsten Wache auf die Rückseite des Aufklebers und sein Begleiter steckt ihm den Sticker in die Jackentasche.

Apropos: Wo wohnt er eigentlich? Obwohl ich noch nicht sonderlich viel über meinen Stadtteil weiß, bin ich mir sicher, die Adresse ist nicht in Altona. Ich fange an, mich überfordert zu fühlen. Nein. Das bin ich eigentlich schon lange. Ich denke darüber nach, wen ich um Hilfe bitten kann und sehe auf Twitter nach, wer noch wach sein könnte. Doch alle, die noch nicht schlafen, sind zu weit weg und von denen, die in der Nähe wohnen, habe ich keine Nummer oder sie werden vom Telefonklingeln sowieso nicht wach. Während ich mich bei dem Gedanken erwische, das Risiko einzugehen und doch die Polizei zu informieren, stellt unser Begleiter seufzend fest, dass er jetzt sowieso nicht mehr nach Hause kommt und dafür sorgen wird, dass der Junge sicher in seinem Bett landet.

Mit verschämter Erleichterung verabschiede ich mich von den beiden und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, in irgendeiner Form übergriffig zu werden, hätte er sich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgewählt. Denn mit jedem Schritt werde ich wütender.

Ich bin wütend auf diese Vollidioten, die sich prügeln, weil nicht alle die gleiche idiotische Religion haben, die sich doch sowieso alle ähneln!

Ich bin wütend darüber, dass Menschen, die vor Krieg, Todesstrafe, Folter, Krankheit und Armut fliehen, hier kaum Möglichkeiten finden, zur Ruhe zu kommen und alles zu verarbeiten und dass Gruppen zusammen in Unterkünfte gesteckt werden, bei denen es sowas von klar ist, dass es Stress geben wird (In und ums Stadion ist es eine Selbstverständlichkeit, dass gewisse Heim- und Gästefans voneinander getrennt werden und da geht es nur um Fußball)!

Ich bin wütend auf die Leute, die gestern nur einen gewaltbereiten Flüchtling gesehen haben und nicht diesen Jungen, der viel zu früh erwachsen werden musste und darunter leidet! Der Heimweh hat, sich von Gott und der Welt verlassen fühlt und so verzweifelt ist!

Ich bin wütend auf unsere Polizei, der ich nicht mehr zutrauen kann, dass sie fair bleibt, sobald Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund involviert sind!

Ich bin wütend auf die, die mir besserwisserisch unter die Nase reiben werden, was ich alles falsch gemacht habe in dieser Situation, während sie selbst zu Hause auf dem Sofa saßen und diesen Jungen nicht erlebt haben!

Ich bin wütend auf mich, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte und bestimmt das Falsche tat!

Was bleibt, ist das Gefühl, dass sich dringend etwas ändern muss und das Gefühl der Überforderung, weil sich eh nichts ändern wird, wenn ich es nicht ändere.

Was außerdem bleibt, ist die Frage: Wer von euch Hamburgern gibt mir für das nächste Mal, wenn ich mich einfach nicht raushalten kann, seine/ihre Telefonnummer?

 

Blogjulklapp 2008: Wintersonnenwende

Heute geht’s für mich beim Blogjulklapp in die zweite Runde:

Nachdem ich vor ein Paar Tagen Katjas Gastbeitrag “Jahrestag” bei mir veröffentlichen durfte, habe ich nun die große Freude bei Lia von Gedanken in Buchstaben mit meinem Beitrag “Wintersonnenwende” vertreten zu sein.

Hin da, lesen 😉

Alle Beiträge zum Blogjulklapp gibt’s bei Konna verlinkt, einfach auf das Logo klicken!

Blogjulklapp 2008: Jahrestag

Ich hatte ja schon berichtet, dass ich beim Blogjulklapp von Konna mitmache. Als Autorin wurde mir Blondes Alien zugelost, die hier auch gleich zu Wort kommen soll. Vielen Dank an dieser Stelle schon, für den Gastbeitrag.
Ich bin dann in drei Tagen mit meinem Gastbeitrag dran, drüben bei Gedanken in Buchstaben.
Hallo, Deadline :-).
Auf geht’s.

Jahrestag

Jedes Jahr zu Weihnachten überlege ich, wo ich wohl das nächste Jahr an diesem Tag sein werde und wie sich mein Leben bis dahin verändert hat.

Vor gut einem Jahr schrieb ich auf meinem Blog, wie wichtig es doch sei, Weihnachten im Kreis der Menschen zu verbringen, die man liebt. Ich bezog das auf meine Familie, meine Eltern, die vor Jahren ins Ausland gezogen sind. Die Treffen waren spärlich und umso schöner war das gemeinsame Weihnachtsfest.
Ich schrieb, daß man nie wissen könne, wie lange einem diese Freude noch erhalten bleibe. Mit steigendem Alter werde einem bewußt, daß Eltern nicht ewig leben. Aus dieser Motivation heraus war es mir unendlich wichtig, auch Weihnachten 2007 in Frankreich mit meiner Mutter, meinem Vater feiern zu können. Es war das letzte Weihnachten, das ich so verbringen durfte. Nur wenige Tage später starb mein Vater.

Es ist die Nachricht, die man niemals erhalten möchte. Das Telefonat, vor dem man sich immer gefürchtet hat.

Ich sah meinen Vater zum letzten Mal am Flughafen in Montpellier. Wir umarmten und verabschiedeten uns. Für immer. Nur wussten wir das nicht. Er starb auf der Fahrt nach Hause. Abends, als ich in meine Wohnung kam und davon erfuhr, brach eine Welt für mich zusammen.

Dieser Tag jährt sich bald und auch wenn die schlimmste Traurigkeit überwunden ist, so wird mir in diesen Tagen stets bewußter, daß Weihnachten nie wieder so sein wird, wie es einmal war. Bilder tauchen in meinem Gedächtnis auf. Wie ich mit meinem Vater den jährlichen Weihnachtsbaum kaufte. Ich erinnere mich an Heilig Abend, als mein Vater das Weihnachtsessen kochte. Ich sehe uns in der Confiserie stehen und den jährlichen Bûche de Noël besorgen.

Mein Vater war mir so viel näher als meine Mutter. Dabei stritten wir uns sehr oft. Und versöhnten uns ebenso häufig und schnell. Wir waren uns ähnlich und doch so verschieden. Ich liebte, ich liebe ihn so sehr.

In diesen Tagen fange ich sogar bei weihnachtlicher Fernsehwerbung zum Weinen an. Zu stark ist die Erinnerung und zu mächtig noch die Trauer.

Ich sehe Menschen durch die geschmückten Straßen laufen. Sie hetzen durch die Kaufhäuser. Sie suchen nach Geschenken. Ich wünschte mir nur, daß ich diese Zeit überspringen könnte. Daß schon Januar wäre und ich nicht mehr so zerissen wäre von Trauer, Hilflosigkeit und Wut. Wie unwichtig sind die Geschenke, wie unwichtig der Popanz um dieses Fest. Die wahre Bedeutung ist so unabhängig davon. Und um sie zu erkennen, muss man nicht einmal religiös sein. Ich wünsche jedem, daß er wenigstens an diesem einen Tag zur Ruhe kommt und sich bewußt macht, daß Liebe etwas unendlich kostbares ist. Kein Geschenk der Welt wiegt das auf.

Jedes Jahr zu Weihnachten überlege ich, wo ich wohl das nächste Jahr an diesem Tag sein werde und wie sich mein Leben bis dahin verändert hat. Dieses Jahr hat sich mein Leben verändert und ich mich in ihm. Alles ist im Wandel, alles vergeht, nichts bleibt. Umso wichtiger ist es, schöne Momente festzuhalten.

Ich wünsche den Lesern dieses Blogs frohe Weihnachten.
Euer blondes Alien.