{"id":860,"date":"2009-07-23T23:03:55","date_gmt":"2009-07-23T21:03:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=860"},"modified":"2009-07-23T23:13:52","modified_gmt":"2009-07-23T21:13:52","slug":"moral-gentrifizierung-und-bessermenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2009\/07\/23\/moral-gentrifizierung-und-bessermenschen\/","title":{"rendered":"Moral, Gentrifizierung und Bessermenschen"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p>Etwas \u00fcber das ich schon l\u00e4nger immer wieder nachdenke, bzw. wo ich immer wieder dr\u00fcber stolpere ist das Thema <a onclick=\"javascript:pageTracker._trackPageview('\/outgoing\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gentrification');\"  href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gentrification\" target=\"_blank\">Gentrifizierung<\/a>. Gentrifizierung meint die soziale Umstrukturierung von Stadtteilen (man k\u00f6nnte auch Yuppisierung sagen).<\/p>\n<p>Also z.B. das, was in Hamburg in der Schanze passiert. Ein Stadtteil mit billigem (meist \u201cminderwertigem\u201d) Wohnraum zieht neben Schlechtverdienern aus den klassischen Milleus auch Menschen an, die zwar kein Geld haben, aber dies in Ihrer Zukunft unter Umst\u00e4nden haben d\u00fcrften. Studenten. Immer mehr davon. Irgendwann so viele, dass der einst \u201cheruntergekommene\u201d Stadtteil \u201chip\u201d wird, andere Menschen, meist mit mehr Geld als die Eingeborenen kommen hinzu, ziehen dahin. Die Studenten werden \u00e4lter, gr\u00fcnden Familien, kriegen Jobs, werden wohlhabend. Der Stadteil passt sich an das neue Publikum an. Aus billigen Kaschemmen werden Designerlokale, aus Tante Ritas Kaffestube wird Starbucks. So ungef\u00e4hr.<\/p>\n<p>Sowas *passiert*. Das ganze ist in der Stadtentwicklung ein ziemlich normaler Proze\u00df. Das l\u00e4sst sich in Hamburg z.B. auch in Ottensen, Eimsb\u00fcttel beobachten. Der Proze\u00df ist allerdings f\u00fcr die Alteingesessenen schmerzhaft, weil sie irgendwann da weg ziehen (m\u00fcssen), weil sie sich entweder den teurer gewordenen Wohnraum nicht mehr leisten k\u00f6nnen, oder weil die gewandelte Infrastruktur ihnen keine M\u00f6glichkeit mehr gibt auf ihrem \u201cLevel\u201d zu konsumieren.<br \/>\nWer schon mal nen Kaffee bei Starbucks gekauft hat wei\u00df, dass das f\u00fcr Hartz IV Empf\u00e4nger zum Beispiel mehr Geld ist, als f\u00fcr einen Tag an Essensgeld einplanbar ist.<\/p>\n<p>Wie gesagt, in Hamburg passiert das in den letzten Jahren sehr intensiv im Schanzenviertel. Menschen, die vom Flair des Viertels angezogen werden, ziehen dorthin, ziehen andere Menschen nach sich. Ver\u00e4ndern das Flair. Ziehen neue, noch andere Menschen an.<\/p>\n<p>Sowas passiert. Was aber dort anders ist, ist das einige Bewohner und einige, die nur gerne dahin gingen um zu feiern, sich versuchen zu wehren. Denn Schuld sind nat\u00fcrlich \u201cdie Anderen\u201d. Schuld sind diejenigen, die besser verdienen und sich bei Starbucks wohlf\u00fchlen (ich bleib einfach bei dem Beispiel). Schuld sind die \u201cWerbefuzzis mit ihren iPhones\u201d. Schuld sind nat\u00fcrlich auch die Politik (die es den Werbefuzzis nicht verbietet, in die Schanze zu ziehen) und die Investoren (die glauben mit den Werbefuzzis gut Geld zu verdienen). Vor allem die Investoren die \u201cSzeniges\u201d bauen oder renovieren, was so nicht in die Schanze \u201cgeh\u00f6rt\u201d. Weil es f\u00fcr die Zielgruppe Werbefuzzis mit iPhones und nicht f\u00fcr die Zielgruppe abgerissener Punk ohne eigenes Einkommen ist. Ich polemisiere.<\/p>\n<p>Okay, der Meinung sein, dass die doof sind, da nicht hingeh\u00f6ren, dass man keinen Starbucks sondern lieber Aldi m\u00f6chte, alles okay. Was mich daran st\u00f6rt ist aber das allgemeine Vorgehen. Was mich tierisch st\u00f6rt ist die Perspektive auf die Werbefuzzis. Die \u201cdie geh\u00f6ren hier nicht her\u201d-Perspektive.<\/p>\n<p>Wer entscheidet das denn? Und mit welchem Recht? Merkt Ihr, die ihr so \u00fcber die reden, denken, teilweise so handeln, merkt Ihr, dass Ihr genau das macht, was Ihr allen anderen vorwerft? Gerade in der Schanze, die sich als oh so \u201clinks\u201d sieht. Gerade dort, wo Nazis zurecht gehasst werden. Weil sie \u201cAusl\u00e4nder? Die geh\u00f6ren hier nicht her!\u201d denken. Weil Sie Menschen die anders sind, eine andere Kultur haben etc.. Merkt Ihr, dass Ihr Menschen, die eine andere Kultur als Ihr haben (und meist auch mehr Geld) so behandelt? Wie ihr sie behandelt? Blickt das mal. Merkt mal, dass das Menschen sind.<\/p>\n<p>Was wollt Ihr eigentlich? Werberghettos, aus denen die nicht raus d\u00fcrfen? Statik? Eine Welt, die sich nicht ver\u00e4ndert? Schanzen-Eingeborenen-Ghettos, in denen sich nichts ver\u00e4ndern darf? Statik? Die Welt von 1980? Ganz wichtig: Niemand, der euren komischen, romantischen Kosmos durcheinander bringt.<\/p>\n<p>Ja, es ist schei\u00dfe aus seinem \u201cZuhause\u201d wegziehen zu m\u00fcssen, keine Frage. Aber\u2026 nochmal: Was wollt ihr? Leben, Welt, alles ver\u00e4ndert sich. Glaubt ihr, dass ihr gl\u00fccklich werdet, wenn alles so bleibt? Wie viele von Euch haben inzwischen ihre einzige Rechtfertigung im Kampf gegen \u201cdie\u201d? Habt ihr noch andere Hobbys? Denkt mal dar\u00fcber nach, was euer Leben ausmachen w\u00fcrde, wenn ihr nicht mehr euren Absurden Kampf gegen Windm\u00fchlenfl\u00fcgel h\u00e4ttet. Und kommt mal zu dem Punkt, dass Ver\u00e4nderung immer auch Chancen bedeutet.<\/p>\n<p>Ja, ich bin eher Werbefuzzi als Punk. Na und? Ich bewerfe die Rote Flora nicht mit Farbbeuteln, weil eure Nasen mir nicht passen. Ich z\u00fcnde auch nicht euren Besitz an, nur weil ich finde dass er meinen Stadtteil versch\u00f6nert. Ich zieh auch nicht in die Schanze, weil ich es da so &#8222;hip&#8220; finde.<br \/>\nEigentlich glaube ich nichtmal an das Konzept \u201cmein Stadtteil\u201d. Leben ist Ver\u00e4nderung. Und Ver\u00e4nderung tut manchmal weh.<\/p>\n<p>Werdet erwachsen. Findet euch damit ab. Und h\u00f6rt auf, wie im Kindergarten \u201cdas ist aber meine Schaukel\u201d zu quengeln.<\/p>\n<p>Ihr macht euch eure Welt, wie sie euch gef\u00e4llt. In eurem Kopf. In eurer Fantasie.<\/p>\n<p>Und ihr f\u00fchlt euch SO im Recht. Ihr glaubt ihr w\u00e4ret diejenigen, die Moral gepachtet h\u00e4tten. Die einzigen die eine wahre Rechtfertigung f\u00fcr ihr Handeln h\u00e4tten. Aber in Wirklichkeit habt ihr keine. In Wirklichkeit seid Ihr scheinheilig, weil Ihr von allen erwarten, dass Sie eurer Meinung folgen, ohne je andere anzuh\u00f6ren. Weil Ihr von allen erwartet, sich wie Helden aufzuf\u00fchren, nur von euch selbst nicht. Weil ihr \u201cim Recht\u201d seid. Glaubt ihr. Weil ihr von &#8222;Denen&#8220; und &#8222;Der Gesellschaft&#8220; fordert Menschenrechte zu achten, aber ihr selbst z\u00fcndet sie an.<\/p>\n<p>Wie war das? Freiheit ist immer auch die Freiheit Andersdenkender?<\/p>\n<p>Die, die am lautesten schreien, sind offenbar meist diejenigen, die sich am wenigsten an Ihre eigenen Dogmen halten. Schade eigentlich.<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwas \u00fcber das ich schon l\u00e4nger immer wieder nachdenke, bzw. wo ich immer wieder dr\u00fcber stolpere ist das Thema Gentrifizierung. Gentrifizierung meint die soziale Umstrukturierung von Stadtteilen (man k\u00f6nnte auch Yuppisierung sagen). 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