{"id":1537,"date":"2017-05-23T11:07:45","date_gmt":"2017-05-23T09:07:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=1537"},"modified":"2017-05-23T11:21:47","modified_gmt":"2017-05-23T09:21:47","slug":"gastbeitrag-ich-muss-das-loswerden-sonst-platze-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2017\/05\/23\/gastbeitrag-ich-muss-das-loswerden-sonst-platze-ich\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag: Ich muss das loswerden, sonst platze ich!"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p><em>Manchmal muss man einfach mal was loswerden. <a onclick=\"javascript:pageTracker._trackPageview('\/outgoing\/twitter.com\/TantePolly');\"  href=\"https:\/\/twitter.com\/TantePolly\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">@TantePolly<\/a> hat mich gefragt, ob ich ihren Beitrag als Gastbeitrag ver\u00f6ffentliche. <\/em><\/p>\n<p><em>Und da ich die Grundgedanken teile &#8211; gern. Lesen!<\/em><\/p>\n<p>Du sitzt im Kino. Es l\u00e4uft \u201eLoving\u201c, ein Film dar\u00fcber, wie Mildred und Richard Loving 1967 einen Rechtsstreit f\u00fchrten und gewannen, der das bis dahin bestehende Verbot von sogenannten \u201eMischehen\u201c au\u00dfer Kraft setzte.<\/p>\n<p>Du sitzt im Kino und bist erleichtert, dass solche Gesetze der Vergangenheit angeh\u00f6ren und Rassismus &#8211; zumindest vor dem Gesetz \u2013 nicht mehr in Ordnung ist.<\/p>\n<p>Und dann triffst du auf dem Heimweg auf zwei junge M\u00e4nner, denen das so gar nichts n\u00fctzt. Sie d\u00fcrften beide so um die 20 sein, der eine vielleicht auch j\u00fcnger. Die beiden sind POC und stehen drei oder vier Wei\u00dfen gegen\u00fcber und sie streiten sich. Das Ganze scheint jeden Augenblick zu eskalieren und ich mache, was ich immer mache, wenn ich so etwas erlebe: Ich gehe hin. Ich kann einfach nicht anders, als mich in solchen Situationen einzumischen. Nennt dieses Verhalten von mir aus naiv oder gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig! Aber was soll ich sonst auch tun? Es hilft ja mal wieder kein anderer.<\/p>\n<p>Gerade, als ich ankomme, kommt auch die S-Bahn. Die Wei\u00dfen verschwinden in einen der vorderen Waggons, die beiden M\u00e4nner nehmen einen weiter hinten und ich folge ihnen. Inzwischen ist mir klar, dass der j\u00fcngere der beiden betrunken und nicht gerade in friedlicher Stimmung ist. Der andere versucht ihn mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg zu beruhigen. In einem Mischmasch aus Deutsch, Englisch und einer mir unbekannten Sprache flucht der erste \u00fcber Germany und giftet, dass wir doch alle Rassisten seien. Der andere bemerkt, dass ich sie beobachte und versucht mir in gebrochenem Englisch zu erkl\u00e4ren, dass ich mir keine Sorgen machen soll und sein Begleiter, der mich prompt Rassistin nennt, nichts B\u00f6ses wolle. Wortlos \u00f6ffne ich meinen Rucksack, krame einen \u201eGegen Rassismus\u201c-Sticker raus und reiche ihn ihm, dann setze ich mich zu ihnen.<\/p>\n<p>\u201eI don\u2019t know him, but I don\u2019t want to leave him alone.\u201c sagt der andere zu mir und sieht mich verzweifelt an. Bis Altona erfahre ich von den beiden, dass beide aus Nigeria stammen, der N\u00fcchterne von den beiden schon etwas l\u00e4nger in Hamburg ist und der andere erst seit kurzer Zeit.<\/p>\n<p>(Nigeria:<\/p>\n<ul>\n<li>Todesstrafe auch f\u00fcr Minderj\u00e4hrige<\/li>\n<li>Wer sich f\u00fcr die Rechte von Homosexuellen einsetzt, kommt f\u00fcnf Jahre ins Gef\u00e4ngnis<\/li>\n<li>Gefangene (und besonders politische Gefangene) werden gefoltert und Misshandelt<\/li>\n<li>Impfen ist in Teilen des Landes verboten<\/li>\n<li>Kinder werden verschleppt und zu Kindersoldaten ausgebildet<\/li>\n<li>Nicht mal jeder Zweite hat Zugang zu sauberem Trinkwasser<\/li>\n<li>Kranke, Arme und Alte sind auf Familienhilfe angewiesen, nur Regierungsbedienstete kommen in den Genuss \u00f6ffentlicher F\u00fcrsorge)<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gestern gab es Streit mit anderen Gefl\u00fcchteten. Die einen waren Christen, die anderen Muslime. Sie stritten sich also wegen ihrer unterschiedlichen Religionen und pl\u00f6tzlich zog einer ein Messer. Der Junge mir schr\u00e4g gegen\u00fcber (er kommt mir mit der Zeit immer j\u00fcnger vor, aber ich traue mich nicht zu fragen, ob er schon vollj\u00e4hrig ist, aus Angst, er k\u00f6nne es sein und dann abhauen), weint und deutet auf eine ca. 10 cm lange Schramme auf seiner Wange. Die Wunde ist nur oberfl\u00e4chlich, schon verschorft und offenbar nicht behandlungsbed\u00fcrftig, doch ich kann mir lebhaft vorstellen, was f\u00fcr ein Schock es gewesen sein muss, das Messer kommen zu sehen und zu sp\u00fcren, wie die Klinge die eigene Haut aufschlitzt. Ich reiche ihm eine Packung Taschent\u00fccher und sein Begleiter erkl\u00e4rt mir, dass der Junge wohl schon gestern bei der Polizei war, um Anzeige zu erstatten, doch die Beamten schickten ihn mit der Begr\u00fcndung weg, sie k\u00f6nnten ihn nicht verstehen.<\/p>\n<p>(Verdammt nochmal! Mein Englisch ist miserabel und in Nigeria verbreitete Sprachen kann ich auch nicht und ich habe es geschafft, mich mit den beiden zu unterhalten. Wie kann man nur so faul und\/oder gleichg\u00fcltig sein?!)<\/p>\n<p>Der Junge nickt bekr\u00e4ftigend und flucht im Allgemeinen \u00fcber uns Deutsche, die wir alle Rassisten seien und insbesondere \u00fcber die Polizei und wirft wutentbrannt die Taschent\u00fccher und den Aufkleber auf den Boden. Unsere Blicke treffen sich. Er entschuldigt sich versch\u00e4mt und sammelt alles wieder ein. Ich streichle \u00fcber seinen R\u00fccken und er f\u00e4ngt wieder an zu weinen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er auf seiner Flucht nach Deutschland und davor alles erlebt hat. Oder wie alt er wirklich ist.<\/p>\n<p>Inzwischen stehen wir in Altona am Busbahnhof und der andere und ich schauen uns unschl\u00fcssig an. Es ist sp\u00e4t, wir wollen eigentlich beide nach Hause, trauen uns aber nicht, den Jungen hier so alleine stehen zu lassen. Der redet nun davon, nun unbedingt nochmal zur Polizei zu wollen, um Anzeige zu erstatten. Aber was passiert dann? Was machen Polizisten mit einem jungen, offensichtlich betrunkenen, vielleicht noch nicht mal vollj\u00e4hrigen Gefl\u00fcchteten? Und was macht das dann mit ihm? Wir versuchen ihn davon zu \u00fcberzeugen, nach Hause zu gehen, sich auszuschlafen und den Besuch bei der Polizei auf morgen zu verschieben. Ich schreibe ihm Adresse und Telefonnummer der n\u00e4chsten Wache auf die R\u00fcckseite des Aufklebers und sein Begleiter steckt ihm den Sticker in die Jackentasche.<\/p>\n<p>Apropos: Wo wohnt er eigentlich? Obwohl ich noch nicht sonderlich viel \u00fcber meinen Stadtteil wei\u00df, bin ich mir sicher, die Adresse ist nicht in Altona. Ich fange an, mich \u00fcberfordert zu f\u00fchlen. Nein. Das bin ich eigentlich schon lange. Ich denke dar\u00fcber nach, wen ich um Hilfe bitten kann und sehe auf Twitter nach, wer noch wach sein k\u00f6nnte. Doch alle, die noch nicht schlafen, sind zu weit weg und von denen, die in der N\u00e4he wohnen, habe ich keine Nummer oder sie werden vom Telefonklingeln sowieso nicht wach. W\u00e4hrend ich mich bei dem Gedanken erwische, das Risiko einzugehen und doch die Polizei zu informieren, stellt unser Begleiter seufzend fest, dass er jetzt sowieso nicht mehr nach Hause kommt und daf\u00fcr sorgen wird, dass der Junge sicher in seinem Bett landet.<\/p>\n<p>Mit versch\u00e4mter Erleichterung verabschiede ich mich von den beiden und gehe den Rest des Weges zu Fu\u00df. Sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, in irgendeiner Form \u00fcbergriffig zu werden, h\u00e4tte er sich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgew\u00e4hlt. Denn mit jedem Schritt werde ich w\u00fctender.<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend auf diese Vollidioten, die sich pr\u00fcgeln, weil nicht alle die gleiche idiotische Religion haben, die sich doch sowieso alle \u00e4hneln!<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend dar\u00fcber, dass Menschen, die vor Krieg, Todesstrafe, Folter, Krankheit und Armut fliehen, hier kaum M\u00f6glichkeiten finden, zur Ruhe zu kommen und alles zu verarbeiten und dass Gruppen zusammen in Unterk\u00fcnfte gesteckt werden, bei denen es sowas von klar ist, dass es Stress geben wird (In und ums Stadion ist es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass gewisse Heim- und G\u00e4stefans voneinander getrennt werden und da geht es nur um Fu\u00dfball)!<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend auf die Leute, die gestern nur einen gewaltbereiten Fl\u00fcchtling gesehen haben und nicht diesen Jungen, der viel zu fr\u00fch erwachsen werden musste und darunter leidet! Der Heimweh hat, sich von Gott und der Welt verlassen f\u00fchlt und so verzweifelt ist!<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend auf unsere Polizei, der ich nicht mehr zutrauen kann, dass sie fair bleibt, sobald Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund involviert sind!<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend auf die, die mir besserwisserisch unter die Nase reiben werden, was ich alles falsch gemacht habe in dieser Situation, w\u00e4hrend sie selbst zu Hause auf dem Sofa sa\u00dfen und diesen Jungen nicht erlebt haben!<\/p>\n<p>Ich bin w\u00fctend auf mich, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte und bestimmt das Falsche tat!<\/p>\n<p>Was bleibt, ist das Gef\u00fchl, dass sich dringend etwas \u00e4ndern muss und das Gef\u00fchl der \u00dcberforderung, weil sich eh nichts \u00e4ndern wird, wenn ich es nicht \u00e4ndere.<\/p>\n<p>Was au\u00dferdem bleibt, ist die Frage: Wer von euch Hamburgern gibt mir f\u00fcr das n\u00e4chste Mal, wenn ich mich einfach nicht raushalten kann, seine\/ihre Telefonnummer?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal muss man einfach mal was loswerden. @TantePolly hat mich gefragt, ob ich ihren Beitrag als Gastbeitrag ver\u00f6ffentliche. 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