{"id":1489,"date":"2015-01-16T21:38:54","date_gmt":"2015-01-16T19:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=1489"},"modified":"2015-01-16T21:38:54","modified_gmt":"2015-01-16T19:38:54","slug":"monika-och","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2015\/01\/16\/monika-och\/","title":{"rendered":"Monika, och&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p><em>Stellen Sie sich die folgenden Zeilen bitte ungef\u00e4hr im Tonfall von Sophia Petrillo von den Golden Girls vor. <\/em><br \/>\n<em>Also im &#8222;Sizilien, 1932&#8230;&#8220;-Tonfall. <\/em><\/p>\n<p>Hamburg, 1983 (oder so)&#8230;<\/p>\n<p>Wie das so ist, fing die Schule an.<\/p>\n<p>Also nicht irgendwann um 8 Uhr morgens, sondern Lebensphasenstyle-irgendwann mit ungef\u00e4hr sechs Jahren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich auch beim kleinen Curi. Und nein, nicht was Sie jetzt mit &#8222;kleiner Curi&#8220; assoziieren, sondern einfach nur der junge Junge C.<\/p>\n<p>&#8222;Irgendwann&#8220; war 1980. Und Schule war zun\u00e4chst &#8222;nur&#8220; Vorschule. Aber mein bester Kindergartenfreund kam bereits in die erste Klasse und der kleine Curi wollte dann wohl auch. Dringlich.<\/p>\n<p>Irgendwann dann eben Grundschule und Mittelstufe und Oberstufe und Zivildienst und Uni und Leben und so&#8230; aber ich schweife ab.<\/p>\n<p>Da unsere Lehrerin Frau R. bereits \u00e4lter und k\u00f6rperlich etwas eingeschr\u00e4nkt war gab es f\u00fcr uns in den ersten zwei Jahren der Grundschule keine Klassenfahrten. Frau R. wollte sich das alles nicht zumuten, und damals war das dann wohl noch so. Frau R. hielt es wohl auch f\u00fcr keine allzu schlechte Idee, uns bei ungehorsam auf die Finger zu schlagen, von daher war es vielleicht auch sonst keine allzu schlechte Idee, nicht mit Frau R. l\u00e4nger als n\u00f6tig in einem Raum&#8230;<\/p>\n<p>Aber wie das so ist in dem Alter, ich liebte sie hei\u00df und innig.<br \/>\nUnd dann wurde sie krank und wir bekamen eine Vertretungslehrerin. Frau C.<\/p>\n<p>Die mochte ich nicht. Meine Mutter erz\u00e4hlt heute noch gern, dass ich Frau C. die Schuld daran gab, dass Frau R. nicht mehr zu uns in die Klasse kam. Die fr\u00fchkindliche Version von &#8222;die kommen und nehmen uns den Job weg&#8220;, f\u00fcrchte ich.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck bin ich heute etwas \u00e4lter und reifer und \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Frau C. jedenfalls fand dann, damit wir uns alle, sie und ich und der Rest der Klasse, besser kennenlernten, w\u00e4re doch eine Klassenfahrt &#8211; meine erste Klassenfahrt &#8211; eine gro\u00dfartige Idee.<br \/>\nIch war da zum Einen etwas gestresst, weil ich dank einer schweren &#8211; bei einem Aufenthalt bei meiner Gro\u00dfmutter ausgebrochenen &#8211; Scharlacherkrankung den Kausalzusammenhang &#8222;Nicht zu Hause schlafen =&gt; Krank&#8220; gefunden und deshalb eine gewisse Skepsis gegen\u00fcber einer Woche im gef\u00fchlten Ausland hatte. Zum anderen etwas gestresst, weil das ja auch hie\u00df, dass ich mit meiner Sandkasten-Grundschulenflamme Monika unfassbar viel Zeit verbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Monika wusste naturgem\u00e4\u00df nicht, dass sie meine Flamme war &#8211; Sie kennen das. Ich war 8 oder 9 und irgendwie w\u00e4re ich wohl auch v\u00f6llig damit \u00fcberfordert gewesen, h\u00e4tte sie es gewusst (oder gar die kindliche Zuneigung erwiedert)&#8230;<\/p>\n<p>Strenggenommen sprachen wir meiner Erinnerung nach nicht miteinander. Damals &#8211; jedenfalls bei uns in der Schule &#8211; sprachen Jungs und M\u00e4dchen nicht viel. Eine Art selbst auferlegter Geschlechtertrennung, die erst zum Ende der Grundschule durchbrochen wurde.<\/p>\n<p>In meinem Kopf war Monika jedenfalls gro\u00dfartig. Rote Haare (!), Sommersprossen, ein mich irgendwie beeindruckendes L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Nun denn. Die Planung zur Klassenfahrt lief, irgendwie mussten Dinge organisiert werden, die dazu f\u00fchrten, dass Frau C., meine Eltern, und die Eltern der Mitsch\u00fcler die ich so mitbekam, aktiver waren, als sonst. Der Aufregungspegel in der Klasse wuchs quasi t\u00e4glich, und die Wartezeit auf die Klassenreise (ich sch\u00e4tze sie auf 2-3 Wochen, die ich davon als Wartezeit erlebte) zog sich unfassbar lang. Das betrachtet man als 8 J\u00e4hriger halt auch noch mit anderen Ma\u00dfst\u00e4ben.<\/p>\n<p>Am Vor-Vorabend&#8230; also am Vorabend des Tages vor der Klassenreise &#8211; Abends war ich damals n\u00e4mlich schon im Bett &#8211; gab es dann noch ein letztes Treffen der betroffenen Klasse, der Eltern und nat\u00fcrlich Frau C.<br \/>\nIch erinnere mich d\u00fcster, dass ich in einer, in meiner Ecke der Klasse rumsa\u00df und irgendwie keine Lust hatte.<br \/>\nIch erinnere mich auch, dass Monika nicht da war. Aber das waren auch andere. Wie \u00fcblich hatten nicht alle Eltern Zeit oder Lust oder es irgendwie f\u00fcr n\u00f6tig befunden, sich zu versammeln. Ich glaube, das ist heute alles sehr anders. Auch was die Disziplinierung von ausscherenden Eltern angeht.<\/p>\n<p>Und dann war es fr\u00fch Morgens irgendwann 1983 im Sp\u00e4tsommer. Oder so. Die Klasse versammelt sich, entert den Bus. Also den Nahverkehrsbus. Die Reise f\u00fchrte uns von der Stadtteilgrenze Bahrenfeld\/Ottensen n\u00e4mlich ins unfassbar entfernte Rissen.<br \/>\nDrei Jahre sp\u00e4ter fuhr ich diese Strecke mit dem Fahrrad in ungef\u00e4hr einer Dreiviertelstunde.<\/p>\n<p>Diese Weltreise also begann banal im 188er Bus des HVV. Ich vermute ganz stark, dass wir bis Altona fuhren, dort in die S-Bahn umstiegen, nach Rissen fuhren und dort&#8230; keine Ahnung mehr.<\/p>\n<p>Jedenfalls erreichten wir das Heim, irgendwo im Wald, st\u00fcrmten die beiden gro\u00dfen Schlafs\u00e4le (M\u00e4dchen und Jungen getrennt versteht sich), und machten, was man in dem Alter wohl so macht. Balgten uns um die Betten, und mussten diese dann beziehen. Selbstt\u00e4tig. Etwas, worauf meine Mutter mich akribisch vorbereitet hatte. Ich war wohl etwas&#8230; nun sagen wir skeptisch gewesen, ob ich das wohl allein&#8230; Mamajob&#8230; die Decke so riesig und der kleine Curi eben noch so klein und hilflos.<\/p>\n<p>Ging dann aber. Ich wei\u00df heute noch, dass ich es als pers\u00f6nlichen Sieg empfand, dass ich die Decke mit Hilfe von Sicherheitsnadeln irgendwie bezogen bekam, und dass auch das Bettlaken sicher auf dem Bett \u00e4h&#8230; war.<\/p>\n<p>Wir liefen raus, erkundeten das Gel\u00e4nde, Frau C. wachte bestimmt \u00fcber allem, aber an sie erinnere ich mich nicht mehr.<\/p>\n<p>Tischtennisplatten! Steinerne. Die mit dem Metallnetz. Kein Profiequippement. Ja, wir waren eine n\u00f6rgelige dritte Klasse. Egal. Was man dann so spielte bei uns hie\u00df &#8222;Runde&#8220;. Also alle Jungs an einer Platte, nach der Ballber\u00fchrung wanderte man um die Platte und der n\u00e4chste in der &#8211; ich m\u00f6chte &#8222;Polon\u00e4se&#8220; schreiben &#8211; war dran. Wer den Schlag versemmelte war raus. Das Spiel wurde also je l\u00e4nger es dauerte dynamischer, weil nat\u00fcrlich immer weniger um die Platte rannten.<\/p>\n<p>Es wurde wohl d\u00fcster, Frau C. wies sicherlich in p\u00e4dagogisch sinnvoller Form darauf hin, dass die jungen, sportlichen Herren sich so langsam mal dem Abendessen widmen m\u00f6gen. Aber zackig.<\/p>\n<p>Mehr oder weniger zivilisiert enterten wir den Essens-Saal und besetzten die lange Tafel. Auf der einen Seite die Jungs, auf der anderen die M\u00e4dchen. Bzw. zun\u00e4chst niemand, weil die M\u00e4dchen offenbar noch gar nicht vor Ort waren.<\/p>\n<p>Erhaben sa\u00dfen wir dort, warteten auf unsere Gegen\u00fcber, und machten, was achtj\u00e4hrige Jungs eben so machen. Denke ich mir. Dann st\u00fcrmte die weibliche H\u00e4lfte der Klasse herein und setzte sich. Ich wei\u00df, dass ich pl\u00f6tzlich dachte, es sei doch super, wenn sich Monika mir gegen\u00fcber setzte.<\/p>\n<p>Sekunden sp\u00e4ter sa\u00df Nicola vor mir.<\/p>\n<p>Diese Entt\u00e4uschung ist bis heute in mir. Und sie wurde nicht kleiner, als ich begann mich zu wundern, wem gegen\u00fcber Monika denn wohl sitzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Monika n\u00e4mlich sa\u00df nirgendwo.<\/p>\n<p>Wie sich herausstellte, war Monika \u00fcberhaupt nicht mitgefahren. Und es war wohl auch nie geplant gewesen.<\/p>\n<p>An diesem Informationsdefizit meinerseits merkt der geneigte Leser wohl, wie viel wir sonst miteinander kommunizierten.<\/p>\n<p>Der Rest der Woche verging irgendwie, ich wei\u00df nicht mehr wie, die Entt\u00e4uschung beim Abendessen ist die letzte Erinnerung, die mir pr\u00e4sent ist.<\/p>\n<p>Ob die fehlenden Erinnerungen nun Folge der Traumatisierung sind? Die mir aus dem Herz gerissene Flamme, meine zuk\u00fcnftige Gemahlin und Gef\u00e4hrtin, Partnerin bei dem, was Paare wohl so machen (nicht, dass ich seinerzeit eine Idee gehabt h\u00e4tte, was das sei) und so weiter&#8230; Nicht da. Nicht bei mir. Oder ob das doch nur am Alter (also am heutigen. An meinem) lag, nun. Bilden Sie sich eine eigene Meinung.<\/p>\n<p>Die Woche &#8211; ich erw\u00e4hnte es &#8211; verging also. Wir kehrten heim. Und Tags darauf war Monika nicht in der Klasse.<br \/>\nAuch am Tag darauf nicht.<br \/>\nUnd am Tag darauf.<br \/>\nOder darauf.<br \/>\nOder am folgenden Tag.<br \/>\nAuch nicht am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise sind die Tage in der Aufz\u00e4hlung durch ein Wochenende unterbrochen. Der lyrischen Dramatik wegen erlaube ich mir allerdings, das auszublenden.<\/p>\n<p>Wo war ich? Monika war fort. Verschwunden. Hatte die Schule gewechselt. Nicht, dass mir das mitgeteilt wurde, aber muss sie wohl, schlie\u00dflich kam sie am Tag darauf auch nicht (gut, es wird langsam etwas eint\u00f6nig).<\/p>\n<p>Das erste Drama meines noch jungen Lebens. Die gro\u00dfe Liebe verschollen.<\/p>\n<p>Nun. Tischtennisplatten hatten wir auf dem Schulhof auch. Ich spielte also weiter mit den Mitsch\u00fclern &#8222;Runde&#8220;.<\/p>\n<p>Nur Monika. Och&#8230;<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter sah ich aus dem Bus heraus ein gleichaltriges M\u00e4dchen, das ungef\u00e4hr aussah wie Monika in dem Alter dann wohl ausgesehen haben mag. Ich l\u00e4chelte sie aus dem Bus an. Das ging dann mit 13 oder so etwas leichter als mit 8. Auch dank der dicken Glasscheibe zwischen uns.<\/p>\n<p>Monika schaute &#8230;<\/p>\n<p>&#8230;am Bus vorbei und verschwand im Altonaer get\u00fcmmel.<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich die folgenden Zeilen bitte ungef\u00e4hr im Tonfall von Sophia Petrillo von den Golden Girls vor. Also im &#8222;Sizilien, 1932&#8230;&#8220;-Tonfall. Hamburg, 1983 (oder so)&#8230; Wie das so ist, fing die Schule an. Also nicht irgendwann um 8 Uhr &hellip; <a href=\"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2015\/01\/16\/monika-och\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[633],"tags":[],"class_list":["post-1489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-damals"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1489"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1489"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1491,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1489\/revisions\/1491"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}