{"id":1421,"date":"2013-12-02T13:36:02","date_gmt":"2013-12-02T11:36:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=1421"},"modified":"2013-12-02T17:04:31","modified_gmt":"2013-12-02T15:04:31","slug":"der-mit-der-roten-jacke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2013\/12\/02\/der-mit-der-roten-jacke\/","title":{"rendered":"Der mit der roten Jacke"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p>Irgendwann mal, in grauer Vorzeit, als das Fernsehen gewisserma\u00dfen noch schwarz-wei\u00df, der Himmel viel blauer als heute und die Luft noch rein war. So ungef\u00e4hr 1980 oder so.<\/p>\n<p>Am etwas zu sehr nadelnden Baum sitzen, unter ziemlich h\u00e4sslichen, aber sehr sicheren Elektrokerzen. Freudig-erregt, wenn auch etwas m\u00fcde von einem Nachmittag vor dem Zweit-Fernsehger\u00e4t, das extra daf\u00fcr in das eigene Zimmer (wir nannten es Kinderzimmer) getragen worden war. Dort auf dem Schreibtisch-Drehstuhl (f\u00fcnfbeinig und damit besonders umkippunwahrscheinlich) residierend. Mit ein paar Weihnachtskeksen, deren backzustand ich aus der Erinnerung nicht rekonstruiert bekomme, aber vermutlich eher gekauft als selbstgebacken, schon alleine aus Zeitmangel. Die Konzentration fehlte ein wenig, seinerzeit. Konzentration, um sich auf die Handlung der TV-Sendungen zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Also eigentlich alles wie heute.<\/p>\n<p>Nur dass sie damals noch fehlte, weil die Vorfreude auf die Geschenkte so gro\u00df war, und nicht, weil die Sendungen so banal. Rede ich mir jedenfalls ein. Vielleicht ist heute die Ablenkung auf dem \u201eSecond Screen\u201c, der f\u00fcr mich inzwischen lange der First Screen ist, einfach so viel besser ist als das, was da im Fernsehen so kommt\u2026<\/p>\n<p>Wo war ich?<\/p>\n<p>Ach ja, der nadelnde Baum und das darunter Sitzen. In einem Wust aus Geschenkpapier. Selbstverst\u00e4ndlich. Mit Sternen darauf. Und Halbmonden. Und dem mit der roten Jacke.<\/p>\n<p>1980 oder so m\u00fcssten sogar die Gro\u00dfeltern noch dabei gewesen sein.\u00a0Beide Seiten der Familie. Also Oma, Oma, Opa. Und nat\u00fcrlich Mama und Papa. Ohne die ging nix.<\/p>\n<p>Sass man also dort, unter dem Baum, im Geschenkpapierwust, vor, neben und hinter sich die von der Familie liebevoll ausgew\u00e4hlten Geschenke (und wenn ich liebevoll ausgew\u00e4hlt schreibe, meine ich meinem planvoll mit Bestellnummern versehenen Wunschzettel &#8211; selbstverst\u00e4ndlich inklusive \u00a0Priorit\u00e4tennennung &#8211; folgend erworben).<\/p>\n<p>Es gab Torte (die sonst so s\u00fc\u00dfigkeitenaverse Mutter buk diese eigenh\u00e4ndig zur Feier des Festes) und sp\u00e4ter etwas eher w\u00e4rmeres zum Abendessen. Aber einfach musste es sein. Schlie\u00dflich war die Motivation nach dem Bescherungstrara aufw\u00e4ndiger zu kochen eher niedrig.<\/p>\n<p>Am Tage darauf kam dann traditionell Oma (also die erstgenannte aus Oma, Oma, Opa \u2013 unschwer erkennbar verwitwet. Seit sehr lange her. So sehr lange, dass das 1980-Ich \u00fcberhaupt gar keine Vorstellung von diesem Zeitraum hatte).\u00a0 Oma brachte gute Laune mit, manchmal auch noch eine kleine Kleinigkeit f\u00fcr den Enkel. Und es gab Braten. Rehr\u00fccken. G\u00e4nsekeule. Sowas. Meist nicht ganz mein Geschmack. Spaghetti-Bolognese oder Fischst\u00e4bchen h\u00e4tten es wenn es nach mir ginge wohl auch getan. Meist aber mit Backofen-Kroketten, Dosenbirnenh\u00e4lften und Preiselbeeren (was mir den geschmacklichen Tag rettete. Und die Torte. Von gestern.).<\/p>\n<p>Geschenke gab es keine. Das in sp\u00e4teren Jahren bekommene Geld konnte man aber \u2013 sehr zu meinem Leidwesen (und der geneigte Leser erkennt hier vielleicht bereits Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale des gereiften Autors) nicht unter die Leute bringen. Das ging erst noch mal 48 Stunden sp\u00e4ter. Es sei denn, der 27.12 fiel auf einen Sonntag. Dann war es ganz und gar schlimm.<\/p>\n<p>Und am zweiten Tag nach der Bescherung kam Oma dann nicht zu Besuch. Es gab den Braten von Gestern (oder den Rehr\u00fccken. Oder die G\u00e4nsekeule. Ich glaube, man erkennt das Muster). Und shoppen war immer noch unm\u00f6glich. Ich erinnere mich an gelangweilt-vollgefressene Nachmittage vor dem Fernseher, dessen drei Programme auch nicht mehr zu bieten hatten, als die 300 heute.<\/p>\n<p>Im immer st\u00e4rker nadelnden Baum hingen S\u00fc\u00dfigkeiten, die man vorsichtig (und unter den achtsamen Augen eines Elters) herauswinden durfte. Und danach sogar naschen. Fondantkringel. Streuselkringel. Und dazwischen irgendwo die Deko. Glaskugeln. Holzirgendwas. Der mit der roten Jacke.<\/p>\n<p>Der Wunsch, \u201eirgendwas\u201c zu machen war gro\u00df. Die M\u00f6glichkeiten nicht vorhanden. Mit\/bei\/zu Freunden ging nicht, weil Weihnachten war. Da \u201emachte man was mit der Familie\u201c. Oder man machte eben nix, aber auch das mit der Familie. Das vor allem.<\/p>\n<p><em>Die TL;DR Fraktion sei hier mit einem Zwischenfazit begl\u00fcckt: Bis auf die drei Stunden nach dem Fernsehmarathon vor der Bescherung und dem Essen nach der Bescherung war mir Weihnachten meist doch irgendwie erstaunlich tr\u00e4ge zumute. Um nicht zu sagen &#8222;Langweilig!&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Mehr als 30 Jahre sp\u00e4ter (der aufmerksame Leser merkt, wir n\u00e4hern uns in gigantischen Schritten der Jetztzeit. Eigentlich sind wir schon da,) ist Weihnachten ungleich anders, aber immer noch nicht so ganz meines.<\/p>\n<p>Wo f\u00e4ngt man an? Ungef\u00e4hr ab September gibt es Weihnachtsgeb\u00e4ck in jedem Discounter.\u00a0Das begr\u00fc\u00dfe ich zun\u00e4chst, da ich eine intensive Zuneigung zu jenem Pflege (wenig figurschmeichelnd zudem).<\/p>\n<p>Andererseits f\u00fchrt dies leider auch dazu, dass der mit der roten Jacke ungef\u00e4hr Ende Oktober ungef\u00e4hr \u00fcberall zu sehen ist.<\/p>\n<p>Ende November er\u00f6ffnen dann die Weihnachtsm\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Dem 1980-Ich h\u00e4tte man diese vollumf\u00e4nglich mit \u201ewie DOM, nur ohne Achterbahn. Daf\u00fcr mit Weihnachtsmusik und Kunsthandwerk\u201c erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Ach so. Und der mit der roten Jacke nat\u00fcrlich. Der darf nicht fehlen.<\/p>\n<p>Und voll.<\/p>\n<p>Das 2013-Ich findet an Weihnachtsm\u00e4rkten eines toll: Pommes Spezial.<\/p>\n<p>Also eigentlich an dem einen Pseudo-Weihnachtsmarkt auf der Spitalerstrasse in Hamburg, da in Laufweite zum B\u00fcro und da der Pommes-Spezial-Stand mittags bereits ge\u00f6ffnet hat. Ich glaube, Sie verstehen, worauf ich hinaus will.<\/p>\n<p>Was das 2013-Ich \u2013 und da ist es sich tats\u00e4chlich treu geblieben \u2013 nicht toll findet ist vor allem der mit der roten Jacke. Und seine Freunde. Und seiner Freunde Freunde. Und seiner Freunde Freunde Freunde.<\/p>\n<p>Ich echauffiere mich gerade. Bitte verzeihen Sie.<\/p>\n<p>In Folge nennen ich die Freunde (und Freun\u2026) der Einfachheit halber die mit den Bechern. Meist mit Gl\u00fchwein. Meist (presumably) mit Schuss.<\/p>\n<p>In Hamburg, am Rathausmarkt-Weihnachtsmarkt (oder hei\u00dft es Rathausweihnachtsmarkt? Oder Weihnachtsrathausmarkt? Oder Weihnachtsmarkt am Rathau\u2026.?) gibt es nicht nur ungef\u00e4hr 20cm\u00b2 Stehfl\u00e4che pro Person, sondern auch einen &#8222;h\u00f6lzernen&#8220; \u201eSchlitten\u201c der \u201edurch die Luft\u201c \u201efliegt\u201c (mir gehen die Air-Quotes aus).<\/p>\n<p>Mit dem mit der roten Jacke drin.<\/p>\n<p>Wem der Gl\u00fchwein den Sch\u00e4del nicht v\u00f6llig vernebelt hat, der mag in der Lage sein zu erkennen, dass der Schlitten auf Drahtseilen gef\u00fchrt wird. Ziemlich dicken. Dass die Rentiere aus Pappmach\u00e9 sind, der mit der roten Jacke einen falschen Bart tr\u00e4gt und die schauspielerische Leistung sich der Qualit\u00e4t des \u00fcberteuerten Essens anpasst. Aber das spielt keine Rolle.<\/p>\n<p>Die mit den Bechern stehen auf ihren 20cm\u00b2, schauen viertelst\u00fcndlich gen Himmel (aus dem uns heute Hoch Ulrike zuwinkt), sehen den mit der roten Jacke die Drahtseile hinab \u201erauschen\u201c (auch wenn mir dabei immer eher ein Abschleppvorgang hinter einem &#8222;gelben Engel&#8220; (sic!) durch den Kopf geht). Warten fast rituell auf sein \u201eHohoho\u201c und denken \u2013 so sie denn denken \u2013 der Mimik folgend ungef\u00e4hr \u201eooooooooh!\u201c. W\u00e4hrend der Schlitten dann r\u00fcckw\u00e4rts zur\u00fcck gezogen wird, widmen sich die mit den Bechern wieder den Bechern, drehen sich auf ihren 20cm\u00b2 nach irgendwoanders und kuscheln sich an die anderen mit den Bechern. Mehr unfreiwillig, unterstelle ich hier.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind nicht alle mit den Bechern schlecht. Und vielleicht ist das alles eigentlich auch total sch\u00f6n. (so sehr es mich in den Fingern juckt hier ein \u201eNein\u201c in die Klammer zu schreiben). Aber irgendwie regen mich die mit den Bechern und der mit der roten Jacke jedes Jahr aufs Neue auf.<\/p>\n<p>Ich bin den schn\u00f6den Freuden des Kapitalismus nun wirklich nicht abgeneigt. Wer oben aufmerksam las, wird sich an die zu gro\u00dfe L\u00fccke zwischen Geldgeschenk und Shoppingrausch erinnern. Zurecht.<\/p>\n<p>Aber der mit der roten Jacke geht gar nicht. Und die mit dem Becher (bzw. ja eigentlich die mit den Bechern), die dastehen und \u201eOoooh\u201c denken treiben mich in die offenen Arme der Stadion<del>hools<\/del>ultras.<\/p>\n<p>GEWALT! Denke ich da. Und PYRO! Was ja bedeutungsgleich ist (wer hier die Ironie nicht erkennt, sei des Stadions verwiesen).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich also am Rathausmarkt stehe und dar\u00fcber nachdenke, wo ich Bengalos (Bengalen? Bengalische Leuchtst\u00e4be? Na, diese Leuchtdinger) herbekomme um sie abwechselnd dem mit der roten Jacke in seinen Bart und den mit den Bechern in ebenjene zu stopfen sehe ich am Horizont ein Lichtlein.<\/p>\n<p>Und zwar kein bengalisches, falls Sie fragen wollten.<\/p>\n<p>Ein gar wei\u00dfes, leuchtendes etwas n\u00e4hrt sich. Zur Musik. Sich im Kreise drehend. Ein Engel. Auf der M\u00f6nckebergstrasse. Und w\u00e4hrend Sie lieber Leser vielleicht sogar \u00fcberlegen, ob ein helles Licht nicht etwas ganz und gar positives in diesem ja doch eher frustrativen Artikel sein k\u00f6nnte, denke ich so bei mir, dass hier wohl die Weihnachtsparade kommt.<\/p>\n<p>Und wundere mich noch, wo der mit der roten Jacke (m\u00fcsste nicht jede Weihnachtsparade einen eigenen mit roter Jacke haben?) steckt, als mir ein noch viel perfiderer Gedanke kommt.<\/p>\n<p><strong>DAF\u00dcR wurden die Lampedusa-Demos verboten?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die mit den Bechern dem mit der roten Jacke zuwinken, weine ich leise in meinen eher metaphorischen Bart.<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann mal, in grauer Vorzeit, als das Fernsehen gewisserma\u00dfen noch schwarz-wei\u00df, der Himmel viel blauer als heute und die Luft noch rein war. So ungef\u00e4hr 1980 oder so. 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