{"id":1281,"date":"2011-09-07T20:24:08","date_gmt":"2011-09-07T18:24:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=1281"},"modified":"2011-09-07T20:25:27","modified_gmt":"2011-09-07T18:25:27","slug":"gegenlaeufige-gentrifizierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2011\/09\/07\/gegenlaeufige-gentrifizierung\/","title":{"rendered":"Gegenl\u00e4ufige Gentrifizierung"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<p><em>Gibt es \u2018Richtiges im Falschen\u2019? <\/em><\/p>\n<p>Es soll hier gleich vor allem um die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die neue Gegengerade im Millerntor Stadion gehen. Dazu gibt es verdammt viel lesens- und sicher auch wissenswertes. Wie ich finde sehr ordentlich und weitreichend zusammengefasst im <a onclick=\"javascript:pageTracker._trackPageview('\/outgoing\/lichterkarussell.net\/die-neue-couch-im-wohnzimmer\/');\"  href=\"http:\/\/lichterkarussell.net\/die-neue-couch-im-wohnzimmer\/\" target=\"_blank\">Lichterkarussell<\/a>.<\/p>\n<p>Um das ganze einzuordnen versuche ich erst mal, <strong>meinen \u00e4sthetischen (!) Standpunkt<\/strong> was Architektur, Geb\u00e4ude, Neubauten etc. angeht auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Also \u2013 ich kann mit \u201caltem\u201d Kram oft nichts anfangen.<\/p>\n<p>Oldtimer sind f\u00fcr mich vorrangig technisch veraltete PKW, die man wenn m\u00f6glich durch neue (effizientere, technisch ausgereiftere etc.) ersetzen sollte.<br \/>\n\u00c4hnliches gilt f\u00fcr Geb\u00e4ude. Gesellschaft entwickelt sich weiter und genauso sollte es der Raum tun, in dem sich Gesellschaft abspielt. Einzelne \u201cErinnerungen\u201d an vergangene Zeiten sind sicherlich angebracht, aber insgesamt w\u00fcnsche ich mir Dynamik, Ver\u00e4nderung, Moderne\u2026 Ich finde die Tanzenden T\u00fcrme, die am Eingang zur Reeperbahn gebaut werden \u00e4sthetisch schick. Auch die Elb-Philharmonie finde ich \u00e4sthetisch und architektonisch ein sehr spannendes Projekt. Das wird, wenn es fertig ist, etwas, das mir optisch sehr gefallen d\u00fcrfte. Zugleich finde ich, dass auch solche so genannten \u201cLeuchtturmprojekte\u201d nur eine Begrenzte Zeit aktuell sind. Kommenden Generationen w\u00fcnsche ich ihre eigenen \u201cLeuchtt\u00fcrme\u201d. Ihre eigene visuelle Sprache.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich damit eine vermutlich nicht mehrheitsf\u00e4hige Meinung habe. Vielen gefallen alte Geb\u00e4ude, viele m\u00f6gen traditionelles. Egal.<br \/>\nWichtig ist: Die oben genannte Meinung bezieht sich vor allem auf die \u00c4sthetik. Geschmack also.<\/p>\n<p>\u00c4sthetik ist nat\u00fcrlich lange nicht alles. Gerade Architektur hat immer auch eine <strong>politische Komponente<\/strong>. Das ist mir sehr bewusst. Beispiel im regionalen Umfeld des FC St. Pauli ist die Diskussion um den Abriss der \u201cEsso-H\u00e4user\u201d.<br \/>\nKurz gefasst: Neubau \u2018schicker\u2019 (klar, Geschmackssache), moderner H\u00e4user f\u00fchrt zu einer Aufwertung die zu teurerem Wohnraum und damit zur Verdr\u00e4ngung Alteingesessener f\u00fchrt. Sozial benachteiligte werden hierbei noch st\u00e4rker benachteiligt als bisher und gen\u00f6tigt in andere Quartiere umzuziehen. Gentrifizierung eben. Ein typischer Prozess, der so selbst ohne Neubauten kaum aufzuhalten ist, allerdings deutlich l\u00e4nger dauert. (Irgendwann sterben die Alteingesessenen und j\u00fcngere, besserverdienende ziehen in das In-Viertel.).<br \/>\nDer Standpunkt der Abrissgegner ist hier im Zweifelsfall auch aus meiner Perspektive bedeutender als (mein) \u00e4sthetisches Empfinden. Und im Falle der Esso-H\u00e4user d\u00fcrfte diese Analyse auch den Kern treffen.<\/p>\n<p>Nun habe ich hier das Dilemma, dass ich scheinbar \u00e4sthetisch und politisch entgegengesetzte Ziele habe. Die Frage ist f\u00fcr mich dabei: <strong>Lassen diese Ziele sich vereinbaren? <\/strong><\/p>\n<p>Theoretisch sicherlich. Auch sozialer Wohnungsbau ist in (staatlich gef\u00f6rderten) modernen Neubauten m\u00f6glich. Auch dort sind (f\u00fcr mich) h\u00fcbsche Baukonzepte realisierbar. Dies muss allerdings staatlich so gewollt und entsprechend reglementiert und gef\u00f6rdert werden.<br \/>\nDass dies so bei den Esso-H\u00e4usern zwar teilweise ge\u00e4u\u00dfert wird (\u201ckeine Verdr\u00e4ngung\u201d) halte ich aber selbst in optimistischen Phasen eher f\u00fcr wenig wahrscheinlich. Das haben einfach die Handlungen der verschiedenen Stadtregierungen der letzten Jahre sehr deutlich gemacht. Aber \u2018nur\u2019 weil hier nicht so gehandelt wird, ist das ja kein Automatismus.<\/p>\n<p><strong>Kommen wir also zum Millerntor-Stadion und der kommenden Gegengerade<\/strong>. Kurz gefasst werden derzeit zwei Varianten diskutiert. Eine (nenne ich hier jetzt mal so) modern-ambitionierte Fassung mit dem Namen \u201cWelle\u201d und eine eher klassisch-traditionelle Fassung die keinen richtigen Namen hat. Neben diversen Pro- und Kontra-Argumenten f\u00fcr beide Entw\u00fcrfe wird die \u201cWelle\u201c aber eben auch gestalterisch mit den oben genannten \u201cLeuchtturmprojekten\u201d identifiziert und damit eben auch in den Gentrifikations-Zusammenhang gesetzt. Ach so: Ich finde den Wellenentwurf h\u00fcbsch. Gef\u00e4llt mir. F\u00e4nde ich gro\u00dfartig. Sollte ich dazu sagen.<\/p>\n<p>Der Kritikpunkt ist dann, dass wir als Verein eben kein Bauwerk bauen (lassen) sollten, das der Gentrifizerungs-Philosophie folgt. Dass wir eben signalisieren sollten, dass wir Gentrifizierung oder Verdr\u00e4ngung sozial schw\u00e4cherer kritisch gegen\u00fcberstehen.<br \/>\nUnd diese kritische Perspektive sollten wir tats\u00e4chlich einnehmen. Da gebe ich den Kritikern auch Recht.<\/p>\n<p>Ich finde es hier aber wichtig zu fragen, <strong>ob man Gentrifizierung mit Baustil gleichsetzen muss. <\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach deutlich <strong>nein<\/strong>.<\/p>\n<p>Gentrifizierung meint Verdr\u00e4ngung. Das Schanzenviertel zeigt zum Beispiel eigentlich sehr deutlich, dass diese viel fr\u00fcher einsetzte, lange bevor hier versucht wurde den Stadtteil mit \u2018moderner\u2019 Architektur zu ver\u00e4ndern. Oft laufen die beiden Prozesse (Verdr\u00e4ngung, architektonische Ver\u00e4nderung) zwar mehr oder weniger Hand in Hand. Klar. Neue H\u00e4user kosten Geld, das im Kapitalismus eben in der Regel dann auch zu mehr Einnahmen f\u00fchren soll. Und ja \u2013 Neubaupolitik und Ver\u00e4nderungen im Umfeld (z.B. andere, teurere Gesch\u00e4fte) beschleunigen die Gentrifizierung. Das ist klar.<\/p>\n<p>Aber nochmal: Das ist ja kein Automatismus.<\/p>\n<p>Es gilt also, die \u00e4sthetische Komponente von der verdr\u00e4ngenden zu l\u00f6sen. Und dann frage ich mich folgendes:<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re es nicht ein viel gr\u00f6\u00dferes Zeichen gegen die Verdr\u00e4ngung, etwas<\/strong> (f\u00fcr mich!) <strong>sch\u00f6nes und modernes zu bauen, und das eben ohne die Verdr\u00e4ngung der Alteingesessenen? <\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4re das Zeichen nicht viel intensiver, wenn man sich mit Gentrifizierung verbundener Formen bediente und damit zeigen w\u00fcrde, dass es eben auch ohne geht?<br \/>\nDas Moderne und Verdr\u00e4ngung eben kein Widerspruch sein m\u00fcssen?<br \/>\nW\u00e4re es nicht super, die Welle zu bauen (so die anderen Argumente denn pro Welle ausfallen \u2013 wie gesagt f\u00fcr mich tun sie das, aber da sollten schon mehr Menschen mit mehr Ahnung entscheiden) und hinterher 10.000 Stehpl\u00e4tze f\u00fcr je 11 Euro zu haben.<br \/>\nMehr Stehpl\u00e4tze als vorher f\u00fcr den gleichen Preis wie bisher in einer \u00e4sthetischen und modernen Trib\u00fcne? Offensiv kommuniziert als Zeichen gegen Verdr\u00e4ngung?<\/p>\n<p>Oder wollen wir dahin, dass es Sch\u00f6nheit nur f\u00fcr Betuchte gibt? Das w\u00e4re die Botschaft, die ich mit einer Entscheidung kontra Welle ausschlie\u00dflich aus Anti- Gentrifizierungsgr\u00fcnden verbinden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Na klar, ich \u201cmache mir die Welt, wie sie mir gef\u00e4llt\u201d. Zumindest ein St\u00fcck weit.<\/p>\n<p>Aber nur so kommt man doch dahin, dass die Welt so wird, wie man sie gerne h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und ich h\u00e4tte eben gern eine Welt, in der moderne (und vor allem \u00e4sthetische) Architektur nicht zwingend f\u00fcr Gentrifizierung steht. In der auch sozial schw\u00e4chere sich modernen Wohnraum leisten k\u00f6nnen. In der eine neue, moderne Trib\u00fcne nicht zwingend zu teureren Tickets f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ich will niemanden dazu zwingen, die Welle sch\u00f6n zu finden. Ich w\u00fcrde mir aber w\u00fcnschen, dass bauten wie diese nicht automatisch Ablehnung erfahren, <em>nur<\/em> weil viele dieser Bauten eben mit Gentrifizierung verkn\u00fcpft werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was meint Ihr?<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es \u2018Richtiges im Falschen\u2019? Es soll hier gleich vor allem um die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die neue Gegengerade im Millerntor Stadion gehen. Dazu gibt es verdammt viel lesens- und sicher auch wissenswertes. 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