{"id":1258,"date":"2011-03-11T10:22:11","date_gmt":"2011-03-11T08:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.curi0us.net\/blog\/?p=1258"},"modified":"2011-03-11T10:36:22","modified_gmt":"2011-03-11T08:36:22","slug":"warum-bist-du-bei-st-pauli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.curi0us.net\/blog\/2011\/03\/11\/warum-bist-du-bei-st-pauli\/","title":{"rendered":"Warum bist Du bei St. Pauli?"},"content":{"rendered":"\n<!-- google_ad_section_start -->\n<blockquote><p>\u201cSag mal\u2026. warum bist Du eigentlich bei St. Pauli? Als Du jung warst, waren die Jungs vom Rothenbaum\u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cEyh! So alt bin ich nicht\u201d<\/p>\n<p>\u201cOkay, als Du jung warst, waren die Jungs aus dem Volkspark gerade Europapokalsieger geworden, warum nicht Volkspark?\u201d<\/p>\n<p>\u201cIst einfach so!\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Solche und \u00e4hnliche Dialoge gibt\u2019s seit entspannt 20 Jahren oder l\u00e4nger. Ja, so alt bin ich dann doch auch wieder. Und die Antwort?<\/p>\n<p><strong>Die Antwort auf die \u2018Sinn\u2019-Frage? <\/strong><\/p>\n<p>Mal gucken\u2026<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob der Begriff \u201cBekenntnisverein\u201d unseretwegen erfunden wurde, oder nur auf uns angewandt.<br \/>\nIst eigentlich auch ziemlich egal. Jedenfalls ist der FC St. Pauli einer dieser Vereine, bei denen man nicht nur Fans findet, die das ganze vage emotional begr\u00fcnden \u201cIch bin da als 4 J\u00e4hriger\u2026 schon von Papa \u2026und dann bleibt man halt..\u201d, sondern auch ganz viele, die aufgrund ihrer politischen oder weltanschaulichen Position diesen Verein lieben.<\/p>\n<p>Bekenntnisverein also. Der FC St. Pauli steht in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr Punk, links(radikal), sich Auflehnen, f\u00fcr Toleranz, gegen Faschismus. F\u00fcr schlechten Fu\u00dfball, f\u00fcr Grasfressen. F\u00fcr wirtschaftliche und sportliche Erfolglosigkeit, f\u00fcr den \u2018Charme\u2019 des einsturzverd\u00e4chtigen Stadions. F\u00fcr den \u201cBanker neben Punker\u201d und die bunte Kurve. F\u00fcr den Roar. Und ganz viele lieben den FC St. Pauli deshalb. Und irgendwie hassen ihn oder uns deshalb auch ganz viele.<\/p>\n<p><strong>Als es losging<\/strong><\/p>\n<p>Als ich zum Verein kam, das war nach dem zweiten Bundesligaaufstieg in den sp\u00e4ten Achtzigern, war das alles noch neu, noch rebellischer als heute, die Klischees noch wesentlich deutlicher in den klassischen Medien pr\u00e4sent. &#8222;Das Freudenhaus der Liga&#8220; und so. Internet gabs damals ja gar nicht.<\/p>\n<p>Aber irgendwie waren diese Bekenntnis-Dinger eher die zwar angenehmen aber f\u00fcr mich damals auch mehr oder weniger nebens\u00e4chlichen Begleitumst\u00e4nde. Ich bin zu St. Pauli gegangen, weil Freunde dahin gingen. Weil der Vater eines anderen Freundes bei einem der Sponsoren arbeitete und uns ab und zu Stehplatz-Tickets besorgen konnte. Weil Stadionfeeling mit 15, 16, 17 irgendwie schon cool war. Weil das dieser kleine Hamburger Club war, der bei RTL im Live-TV lief und irgendwie sympathisch war. Weil ich schneller Sympathien f\u00fcr Underdogs entwickelte, als f\u00fcr Platzhirsche. Weil ich das Volksparkstadion dank der dort j\u00e4hrlich stattfindenden Bundesjugendspiele genau gar nicht leiden konnte. Weil man als St. Pauli-Fan irgendwie cooler war (Selbstwahrnehmung). Und klar, auch weil ich mich in der Kurve wohl f\u00fchlte, keine Angst vor Gewalt und irgendwie das Gef\u00fchl, dass die Gruppe im Zweifelsfall auch gemeinsam und erfolgreich auf Idioten einwirken w\u00fcrde\u2026Was sich im Laufe der ersten Jahre dann auch mehrfach in der Praxis zeigte.<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt: H\u00e4tte man mir damals erz\u00e4hlt, das sei \u00fcberall genauso,ich h\u00e4tte es wohl geglaubt.<br \/>\nGenauso wie ich irgendwie glaubte, dass wir was \u2018besonderes\u2019 sind, weil ich es halt dauernd irgendwo las. Weil man es mir erz\u00e4hlte.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich auch, weil ich, weil wir alle uns\u00a0 darauf auch was einbildeten. Wenn man den Millerntor Roar in die Hand nahm sp\u00fcrte man ja auch dort, im \u2018Sprachrohr der aktiven Fanszene\u2019 (ein Begriff, den es damals so, glaube ich, gar nicht gab) diesen Stolz auf unseren Verein. Auf die Andersartigkeit. Auf das Besser-als.<\/p>\n<p>Nur: Mit Fakten konnte ich dieses Besser-als nicht untermauern, ich kannte schlicht nichts anderes.<\/p>\n<p>Und dann stand ich halt da, in der Nordkurve. Und wie das dann halt so ist.. Einmal gemacht, gut gefunden, wieder gemacht, immer noch gut gefunden, weitergemacht, dran gew\u00f6hnt, Dauerkarte gekauft, da geblieben. Erste Dauerkarte, das war dann nach dem Abstieg in die zweite Liga. Kurz nach der Wiedervereinigung. Zweigleisig. Ich war angekommen, hatte meine Bezugsgruppe, den Kader im Kopf, hatte meine Lieblinge und Spieler, die ich nicht leiden konnte (erinnert sich noch jemand an Robert Nikolic?). Und irgendwie war das auch fein, dass wir uns als links verstanden. Als tolerant. Und irgendwie war es auch cool, wenn man im Totenkopf-Pulli durch Altona lief, in ein Gespr\u00e4ch mit den Schnorrpunks verwickelt zu werden. Und cool, von zwielichtigen Gestalten angeraunt zu werden &#8222;Ey, hast Du Gras?&#8220;.<\/p>\n<p><em>Break. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter. <\/em><\/p>\n<p><strong>Ich wei\u00df nicht (immer), warum ich hier (noch) stehe. <\/strong><\/p>\n<p>Naja, ich wei\u00df manchmal nicht, warum ich mir das antue. Meistens wohl schon, irgendwie.<\/p>\n<p>Ich stehe hier, weil ich mich hier wohl f\u00fchle. Weil ich eine Bezugsgruppe habe, mit der Fu\u00dfball gucken mehr ist, als nur Fu\u00dfball gucken. Weil ich den Verein liebe. Ganz irrational. Weil man in der Kurve \u2018ne Menge Spass mit Wildfremden haben kann. Diese idiotischen, spontanen Spr\u00fcche, da so durch die Kurve gebr\u00fcllt werden. Weil da dieses Wir-Gef\u00fchl ist, das uns w\u00e4hrend des Spiels oft vereint.<\/p>\n<p>Ich stehe hier, trotzdem. Trotz weit verbreitetem Dogmatismus zum Beispiel. Trotz oft unberechtigter \u00dcberheblichkeit. Trotz ausgesperrt werden vor dem Rostockspiel. Trotz der Diskussion danach, die mir sehr verdeutlicht hat, wie viele im Stadion sind, mit denen ich so gar nicht auf einer Welle liege. Diverse Diskussionen on- und offline, bei denen ich mir einfach nur an den Kopf fasse, ob der Position der Teilnehmer. (der Charme online: Man kann ja einfach mitlesen).<\/p>\n<p>Ich stehe hier, sicherlich auch weil Politik ins Stadion geh\u00f6rt. Weil Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Co schei\u00dfe sind.<\/p>\n<p>Ich stehe hier, obwohl mir viele Auspr\u00e4gungen der Fanszene, viele W\u00fcnsche und Anspr\u00fcche v\u00f6llig gegen den Strich oder v\u00f6llig zu weit gehen. Obwohl ich ein iPhone, eine Vapiano- und eine Balzac-Card habe, die mir auch noch alle zwei Wochen ein Freigetr\u00e4nk einbringt. Obwohl ich \u201cwas mit Werbung\u201d mache. Obwohl mich schon Leute, die die ersten 10 Minuten der Halbzeit Bierholen und die letzten 10 Minuten Bier wegbringen waren, daf\u00fcr angeblafft haben, dass ich w\u00e4hrend des Spiels twittere. \u201cEy, wichtig is aufm Platz Du Arsch\u201d. Danke.<\/p>\n<p>Ich stehe hier sicher auch, weil das ganze als es damals los ging irgendwie neu, progressiv war. Weil die traditionellen Strukturen, die es so oft gibt, gerade auseinander gefallen waren und ich Ver\u00e4nderung, Bewegung und Evolution als Basis eigentlich immer gut fand.<br \/>\nUnd obwohl ich inzwischen bei vielen den Eindruck habe, dass sie genau so stur auf Ihren Standpunkten fest h\u00e4ngen, wie es diejenigen damals taten, die wir alle so kritisierten.<br \/>\nObwohl ich Konservatismus im linksradikalen Mantel noch unertr\u00e4glicher finde, als (r)echten Konservatismus, der wenigstens dazu steht. Obwohl wir inzwischen (ab und zu wenigstens) mit das unbeweglichste sind, was man sich als Fanszene so vorstellen kann. Blo\u00df nix ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Also?<\/strong><\/p>\n<p>Wir definieren uns immer \u00fcber die Abgrenzung zum anderen. Und ich wei\u00df, was ich nicht will. Zumindest so grundlegend.<br \/>\nUnd ganz vieles, was ich nicht will, passiert bei uns nicht.<\/p>\n<p>Das ist gut.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, vor allem nicht aus eigener Erfahrung, ob es woanders passiert. Ich war schlicht nie wirklich woanders.<\/p>\n<p>Ich kenne aus Ausw\u00e4rtsfahrten Dinge, die ich nicht mag.<br \/>\nAber mal ehrlich: Ich mag die wahrscheinlich vor allem deshalb nicht, weil ich mich dran gew\u00f6hnt habe, dass Fu\u00dfball im Stadion so ist, wie es halt bei uns ist. Weil ich Fu\u00dfball 20 Jahre lang so kennen gelernt, so ge- und erlebt habe, wie er halt bei uns ist. Ich kann Lotto King Karl nicht leiden, auch wenn ich es klammheimlich ziemlich cool finde, das eigene Vereinslied vor fast jedem Spiel live im Stadion zu singen.<br \/>\nAber kann ich den nicht leiden, weil ich ihn schlecht finde, oder finde ich ihn schlecht, weil er HSV ist, und ich St. Pauli?<\/p>\n<p>Schei\u00df Gewohnheit. Selber unbeweglich geworden.<\/p>\n<p><strong>Ich stehe hier, weil ich hier stehen gelernt habe. <\/strong><\/p>\n<p>Und es gibt mehr Gr\u00fcnde hin-, als wegzugehen.<\/p>\n\n<!-- google_ad_section_end -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cSag mal\u2026. warum bist Du eigentlich bei St. Pauli? Als Du jung warst, waren die Jungs vom Rothenbaum\u2026\u201d \u201cEyh! 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