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Hybris

May 4, 2009 · Abgelegt unter Fussball · 1 Comment 

Die Hybris (griechisch „der Übermut“, „die Anmaßung“) bezeichnet eine Selbstüberhebung, die sich, insbesondere unter Berufung eines gerechten göttlichen Zorns, der Nemesis, rächen muss.

Der internationale Top-Trainer Ralf Rangnick ist unzufrieden mit der Situation bei seinem aktuellen Club. Denn mit “Mittelmaß” könne sich der erfahrene, international erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Meistertrainer nicht identifzieren… Schließlich habe sogar Hannover 96 mehr Geld.

Vielleicht sollte man aber auch einfach mal auf sich selbst gucken. Eine Mannschaft die scheinbar das Potential hat eine Halbserie lang ganz vorne mitzuspielen, die die Hinrundentabelle souverän anführt nach der Winterpause zum letzten der Rückrundentabelle zu machen kann natürlich nur an der Mannschaft selbst liegen. An Verletzungspech (immerhin verletzte sich ein – wichtiger – Spieler). Dass auch der Trainer jetzt Trainer der schlechtesten Rückrundenmannschaft eventuell mit verantwortlich ist, kommt dem guten Herrn wohl nicht in den Sinn. Nein, der Etat muß erhöht werden, denn mit Mittelmaß kommt er nicht klar. Geht gar nicht.

Ich hab mich ja gestern schon gefragt, was er macht, wenn er in den Spiegel schaut (gemeint ist jetzt das reflektierende Ding an der Wand).
Sich übergeben? Den Waffenschrank sehnsüchtig anstarren? Oder einfach die Augen schließen, den Kopf schütteln und weitermachen, wie bisher? Immerhin schaut ihm da Mittelmaß entgegen. Als sportlich verantwortlicher des tabellenneunten. Die Mitte. Und damit, siehe oben, kann sich Herr Rangnick ja nicht identifizieren.

Aber bestimmt sind sowieso nur die anderen schuld, diejenigen, die nicht noch mal 20 Millionen oder mehr in den Kader stecken wollen.

Oder doch Hybris?

Doping im Fußball

February 23, 2009 · Abgelegt unter Fussball · Comment 

Wenn ein Radfahrer bei der Tour de France dabei erwischt wird, wie er sich 10 Minuten auf seinem Hotelzimmer einschließt, bevor er zur eigentlich direkt nach dem Rennen geplanten Dopingprobe geht, bricht die Presselandschaft in großartige Spekulationen aus, was besagter Radler denn alles gemacht haben könne, in den 10 Minuten. Sein Urin durch anderes austauschen, sich einen falschen Penis umschnallen, sich irgendwas spritzen, dass irgendwas anderes neutralisiert oder wenigstens nicht nachweisbar macht. Whatever. Auf jeden Fall macht sich dieser Radler höchst verdächtig. Skandal.
Denn wir wissen ja alle: Alle professionellen Rennradler dopen.

Wenn zwei Fußballer in einer Bundesligapartie für 10 Minuten in der Kabine verschwinden, um danach zur obligatorischen Dopingprobe zu gehen, dann haben die zwei selbstverständlich nicht gedopt, nichts böses getan und sind nur Opfer einer Organisationspanne. Die Mannschaftsbesprechung, der Trikottausch, der kurze, aber falsche Abstecher war schließlich nur ein Versehen. Bagatellfall.
Denn wir wissen ja alle: Fußballer dopen nicht.

Lassen wir mal kurz ausser Acht, dass mich durchaus eine gewisse Häme erfüllt, dass ausgerechnet Hoffenheim es schafft, sich einer bekannten Regelung zu widersetzen und dadurch in die Schlagzeilen gerät.

Völlig unabhängig davon ist es doch so, dass diese Regelung offenbar in anderen Vereinen durchaus bekannt war und auch so umgesetzt wurde. Spiegel Online hat ein paar Verantwortliche dazu befragt und der Tenor ist offenbar der, dass ein Verschwinden der für die Dopingprobe ausgewählten Spieler ein absolutes No-No ist. Da dort auch der Verantwortliche des FC St. Pauli befragt wurde, ist davon auszugehen, dass man in Hoffenheim dieser Regelung auch schon im letzten Jahr, in der zweiten Liga unterworfen war. Man kennt das also eigentlich schon seit einer Weile. Und eigentlich erwarte ich auch von Fußballern, wie Andreas Ibertsberger und Christoph Janker, dass sie diese Regelungen kennen. Es wird auch für sie nicht das erste Mal gewesen sein. Und wenn doch – wenn Kollegen dorthin entschwinden, bekommt man das ja auch mit.

Herr Rangnick behauptet natürlich munter das Gegenteil. Es sei völlig üblich, dass die Spieler auch noch mal mit in die Kabine dürften. Besonders beeindruckt hat mich diese Aussage:

Es sei jetzt aufzuklären, warum die Spieler “in der Wahrnehmung der Dopingbeauftragten” zu spät gekommen sind.

Schööön die Schuld auf andere schieben. Die Spieler sind nämlich gar nicht zu spät gekommen, der Dopingbeauftragte hat nur irrtümlicherweise bereits in der 80. Spielminute mit dem Erscheinen der beiden gerechnet.

jetzt geistern munter Strafvermutungen durch den Raum. in Italien wurden zwei Spieler für jeweils ein Jahr gesperrt. Mindeststrafe der WADA, der Dachorganisation der Dopingbekämpfer. Weil sie eine halbe Stunde zu spät kamen. Ich sehe keinen großen qualitativen Unterschied zwischen den beiden Vergehen.

Und natürlich finden jetzt alle diese Strafen viel zu hoch. Schließlich hätten die beteiligten ja gar nicht gedopt (die Proben waren ja negativ!), sondern seien “nur zu spät gekommen”.

Wenn man jetzt aber mal darüber nachdenkt, warum die Spieler direkt nach dem Spiel zur Dopingprobe sollen, wird das ganze schon weniger Eindeutig: Diese 10 Minuten können nämlich genau dazu führen, dass eine sonst positive Dopingprobe negativ wird. Ich unterstelle das den beiden gar nicht, ich kann mir durchaus vorstellen, dass es wirklich nur eine “Panne” war. Aber trotzdem – sowas darf einfach nicht passieren.

Der Radfahrer aus dem Beispiel oben hätte am nächsten Tag 30 Presseberichte gegen sich. Zurecht.

Die aktuelle Logik der Argumentation kann man – zynisch – nämlich auch wie folgt anwenden: Wenn ich mit 200 Km/h durch eine Tempo 30-Zone rase und niemanden anfahre, dann muß ich doch eigentlich auch nicht bestraft werden, immerhin ist ja nichts passiert, oder?

Genau, völlig falsch.

Und genauso ist es völlig falsch, die beiden Spieler und den dazugehörenden Verein (der laut WADA nämlich dafür verantwortlich ist, eine betreuende Person zu benennen, die sich darum kümmert, dass die betroffenen Spieler rechtzeitig zur Probe erscheinen) jetzt mit Glacéhandschuhen anzufassen.

Das mögliche Strafmaß des Handelns sollte gerade den Verantwortlichen in Proficlubs sehr bewußt sein. Was in Italien passiert ist, ist ja absolut nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewesen. Und entsprechend ist zu erwarten, dass man mit entsprechender Sorgfalt damit umgeht. Allein um solche (möglicherweise subjektiv empfunden heftigen Strafen) von den eigenen Spielern fernzuhalten. Wer jetzt aufschreit und so tut, als wäre das alles völlig überraschend und “so ja nie zu erwarten gewesen” heuchelt entweder, oder weiß es tatsächlich nicht besser und zeigt damit seine unprofessionalität.
Nochmal: Es gibt in jedem Verein eine Person, die genau dafür verantwortlich ist, sich darum zu kümmern. Die muß sowas wissen.

Wer mit 200 durch die Tempo 30 Zone rast, sollte wissen, dass er sich damit ein Fahrverbot von 3 Monaten einhandelt. Sollte zumindest wissen, dass er damit einen schweren Fehler macht, der, wenn er erwischt wird eben zu Konsequenzen führt.
Von Profisportlern ist das auch zu erwarten. Das ist Teil ihres Berufs.

Wenn die Spieler und ihr Verein jetzt mit einem vorsichtigen Klaps auf die Finger davon kommen, sendet die DFL ein sehr fatales Zeichen: Schon nicht so schlimm, die Dopingrichtlinien sind nicht soooo wichtig, macht ihr nur. Doping ist ja kein Problem.

Und genau das, gilt es zu vermeiden. Der Fußball soll und muß weiterhin sauber bleiben. Das kann aber nur dann erreicht werden, wenn konsequent auf die Einhaltung der dafür relevanten Regeln geachtet wird. Und wenn die Spieler bestraft werden, werden sie ja genau dafür bestraft, dass sie die Regel nicht eingehalten haben. Nicht dafür, dass sie gedopt haben. Das wäre nämlich noch viel schlimmer.

Liebe und Hass

October 27, 2008 · Abgelegt unter Fussball, Kultur · 20 Comments 

Dann ist sie wohl ganz vorne, die TSG Hoffenheim. Irgendwie zunächst vor allem eines: Schräg.

Während man am einen Ende der Fanwelt jubelt, wie Frau Jekylla, beweint die andere Seite in Form von Frau Pleitegeiger ihre Niederlage und flucht über die Nebengeräusche des Hoffenheimer Fußballzirkus.

Ich bin ja gar kein so großer Fußballromantiker.

Eigentlich komme ich mit vielen Aspekten der oft beschrienen Kommerzialisierung ganz gut zurecht. Einige finde ich sogar gut.
Okay, ich mag Leverkusen und Wolfsburg nicht. 
Sicher auch weil es “Plastik-Clubs” sind. Andererseits wäre jeder Verein der sich jetzt Gründet und Aufsteigt irgendwo traditionslos. Fairerweise müssen aber auch Newbies – so sie sich denn Respekt erarbeiten – respektiert werden. Das hat Leverkusen bei mir ein Stück weit geschafft, spielen sie doch unbestritten seit längerem immer mal wieder wirklich guten Fußball. Und die Fanszene.. findet sich. Dass sowas lange dauert ist unbestritten. Und wenn wir ehrlich sind war Sankt Pauli am Anfang der Achtziger auch eigentlich nur ein unbedeutender Dorfclub.

Nun also Hoffenheim. Ich fand die Idee eigentlich ganz sympathisch. Vor ungefähr anderthalb Jahren. Klar, der Mäzen stopft unglaublich viel Kohle in den Club, aber irgendwo hätte ich mir ein Stück weit gewünscht, sowas würde meinem Club mal passieren. Hey, realistische Chance auf CL (Champions League, nicht Corny Littmann, der ist eh da) am Millerntor, das wäre echt mal was… und noch was positives: Letzte Saison holten wir 4 Punkte gegen Hoffenheim. Auswärts ein 1:1 und zuhause 3:1 für uns. So Gegner sind ja nicht die verkehrtesten.

Aber nach und nach veränderte sich meine Perspektive. Das was da oben steht stimmt immer noch im Grunde. Und hätte der Mäzen nicht plötzlich angefangen sich öffentlich darüber zu beklagen, wie ihm gegenüber aufgetreten wird, wäre mir Hoffenheim im Moment wohl eigentlich eher egal und ich würde über deren Fußball staunen. Letzteres mache ich nun ja auch, aber ersteres … Naja.

Wer sich ein bisschen mit der Fußballszene beschäftigt hat, dem mußte klar sein, dass der Mäzen sich Gegenwind gefallen lassen würde müssen. Und wirkliche Größe hätte er zeigen können, in dem er sich über die Angriffe stellt. Wer sich provozieren lässt, verliert. Nicht nur auf dem Platz.

Und solche Angriffe müssen ja auch andere in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten ertragen. Ob zu Recht oder zu Unrecht sei jetzt dahingestellt und das ist für das Thema hier auch gerade nicht wichtig. Aber Herr Hoeneß bekommt auch viel ab. Und gefühlt geht er damit wesentlich souveräner um als der Mäzen.
Unser Präsident wird sogar von einem Teil der eigenen Fans verachtet. Aber eine “Klage” gegen Transparente wäre mir zumindest nicht bekannt.
Dankenswerterweise spielt die Liga ja auch noch mit und verurteilt nun plötzlich. Übrigens auch etwas neues, eine Lex-Mäzen sozusagen. Immerhin gab es schon oft und häufig ähnliche Aktionen gegen andere im Fußball aktive Menschen, ohne derartige Konsequenzen.

Zum Fußball gehört (für mich!) auch schreien, pöbeln, Hass* und Verachtung.
Das ist nicht niveauvoll, das ist vielleicht nicht klug, das entspricht möglicherweise nicht meinem gesellschaftlichem Status, aber es ist so.

Während des Spiels.

Bitte alle diejenigen, die noch nie im Stadion standen und etwas “Menschenverachtendes” über den Gegner oder den Schiedsrichter gedacht haben mal die Hand heben. Dazu zählt auch sowas wie “mach ihn Platt” oder “Hau ihn um!”.

Aber ich kann differenzieren und weiß, dass ich deswegen niemandem wirklich die Beine breche, oder das Auto des Schiedsrichters anzünde.
Und meiner Erfahrung nach können das auch fast alle anderen Fans. Und diejenigen, die es nicht können, denen ist auch mit dem aktuellen Aktionismus nicht zu helfen.

Nun kann sowas natürlich immer mal wieder soweit führen, dass einzelne Personen gezielt angegriffen werden.

Nur siehe oben: Das ist Fußball! Das ist auf dem Platz!

Nach dem Spiel ist normalerweise, spätestens wenn man das Ergebnis verdaut hat, alles wieder “neutral”. Meistens.

Natürlich kann ich Hansa Rostock oder Energie Cottbus ununterbrochen scheiße finden.

Natürlich verabscheue ich bestimmte Spieler oder Personen aus der Fußballwelt auch außerhalb des Stadions.

Aber das schadet denen ja nicht. Und wenn ich denen persönlich gegenübersitzen könnte, wäre es sowieso wieder was ganz anderes. Nicht vergessen: In der Regel hassen wir, die Fußballbekloppten ja nicht die Person als solche, sondern das, was sie darstellt.
Und zudem gilt: Wer sich exponiert wird von mehr Menschen “gekannt”. Und genauso wie einen dann mehr Menschen mögen (was für den einen oder anderen ja auch ein sehr angenehmer Nebeneffekt des Engagements sein mag), verachten einen dann eben auch mehr Menschen.

Und ich persönlich finde, wer das nicht versteht, hat sich auch irgendwo den falschen Sport ausgesucht. Beim Hallenhalma gibt es eben keine Öffentlichkeit. Da ist es dann auch entspannter.

Nun geht man in Hoffenheim – so scheint es – gerade gar nicht entspannt damit um, dass der Mäzen eben gedisst wird. Und das macht mir das ganze Unternehmen dann inzwischen sehr sehr unsympathisch.
Die Sympathie, die ich dem Mäzen gegenüber vor noch nicht allzu langer Zeit entgegenbrachte hat er sich durch seine eigenen Auftritte zerstört. Und genau daher kommt dann auch die Mißgunst, die ich diesem Verein inzwischen entgegenbringe. Und so kann ich da die Pleitegeigerin in ihrem Frust auch echt verstehen.

Die in dieser Saison problematisierten Hoffenheim-Themen führen dazu, dass uns – oder zumindest dem Teil von uns der im Stadion eben auch mal negativ emotional ist (und ich bin fest davon überzeugt, dass dies die Mehrheit derjenigen ist, die auch mitsingen, anfeuern, gröhlen, jubeln. Kurz dass das vielen so geht, deren Herz für ihren Verein schlägt) – ein Teil des Spiels genommen wird. Ein Teil, der uns wichtig ist.

Wer liebt muß auch hassen können. Und wer seinen Verein liebt, der hasst eben, wenn auch meist nur für 90 Minuten ab und zu mal die anderen.

Wer den Hass verbietet, der nimmt auch irgendwann die Liebe.
Und den Fans damit schließlich auch die Existenzgrundlage.

*) Ja, Hass. Natürlich kein wirklicher, langanhaltender Hass, aber in dem Moment ist es das, was für mich Hass am nächsten kommt.
Ich kann und will das nicht damit vergleichen, was Menschen fühlen, die wirklich Hassen (z.B. die Mörder ihrer Angehörigen). Aber es ist eben auch im Stadion wesentlich mehr als nur “der ist ja unsympathisch… wie unhöflich!”.