Ich war fünfzehn und mir wars scheissegal

Gestern war ja der neunte November. Also DER neunte November. 20 Jahre nach dem Mauerfall und so. Eines dieser Weltbewegenden Ereignisse, bei denen alle irgendwie in ihrer Erinnerungskiste graben und erzählen, was sie so damit verbinden.

Ich war fünfzehn und mir war es scheissegal. Beim besten Willen. Ja, da fiel die Mauer, ja, vorher waren irgendwelche Ostzonalen über andere Ostblockstaaten und deren Botschaften ausgereist. Aber irgendwie.. So what? Ich kannte niemanden aus der DDR. Hatte keinen Bezug. Wir hatten keine Familie da drüben. Und in der Schule haben wir an sich nie über die Deutsch-Deutsche Teilung gesprochen. Dafür wußte ich alles über die Nazis. Aber die waren ja in der DDR damals nicht so das Thema.

Ach doch, eine Berührung mit der DDR hatte ich schon gehabt. Auf einer Kanuklassenreise durch Schleswig-Holstein. Als nämlich eine Mitschülerin ihr Paddel fallen ließ und dieses auf dem Fluß langsam über die Zonengrenze trieb. Die panischen Blicke meiner Lehrerin, als wir munter hinter dem Paddel hinterherruderten waren schon eher lustig. Passiert ist auch nix. Aber vermutlich hat sie mit Selbstschußanlagen gerechnet. Naja.

Aber am 9. November? Ich denke mal, ich war zuhause und hab mich mit irgendwas beschäftigt. Und am nächsten Tag in der Schule haben wir ganz bestimmt darüber geredet. Aber nur kurz, Denn dann mußten wir wieder lernen, dass die Nazis böse waren (vielleicht wurde dieses Thema doch etwas zu häufig auf den Tisch gelegt, denn verstanden hatten wir das alle gefühlt mit 12 schon… ).
Übrigens am 9. November ganz besonders böse. Remember 1938. Aber zum Glück waren es nicht die Nazis, die sich am 9.11.1989 gen Westen aufmachten. (Und ich erspar mir böse Witze über bestimmte Gestalten, ja? ;-))

Naja, ein paar Tage nach dem Mauerfall war dann Wochenende. Daran kann ich mich erinnern. Die Mutter meines damaligen besten Freundes schenkte mit befreundeten Damen Glühwein am Hühnerposten aus. Für die Ostdeutschen Gäste. Und wir trieben uns in der Stadt rum und wurden quasi erstickt von 200.000 Trabis und Wartburgs, die Hamburg besuchten. Witze über die Ostdeutschen fielen da unglaublich leicht. Ballonseidenanzüge, gruslige Frisuren, komische Beige-Graue Autos. Und keine Ahnung von gar nichts.

Klar, aus heutiger Sicht.. mir wäre es ähnlich gegangen da drüben. Aber ich sagte bereits: Ich war fünfzehn.

Und ich wollte auch Begrüßungsgeld. Hey, das war unfair, wäre ich in die DDR gereist, zu Besuch, ich hätte nicht einmal auf Staatskosten shoppen gehen dürfen!

Ich gebe ganz offen zu, ich verstehe nicht, wieso so viele die so alt sind wie ich, oder noch jünger, das so intensiv miterlebt haben.
Ich weiß genau, was am 11.09.2001 war. Wo, wann, wie. Aber da war ich deutlich älter und das ganze war für mich wesentlich und intensiver.

Aber zum Mauerfall?

Ich war 15 und mir war es scheißegal.

4 Gedanken zu „Ich war fünfzehn und mir wars scheissegal

  1. mir gings nicht viel anders 🙂 sicherlich die Details 😉

    aber du weißt doch auch, die Minderheiten brüllen am lautesten – und irgendwie hab ich den Eindruck die große Politik will auch einen eigenen Feiertag…

  2. Meine Frau war bei den Montagsdemonstrationen dabei. Und die ist nur 2 Jahre jünger als du.

    Zurücklehnen, Hype verurteilen, aber nach 20 Jahren sollte man langsam auch mal die Leistung der Menschen anerkennen, die den 9.11. ermöglicht haben.

    Und immer wieder an den 9.11.38 erinnern! Das darf niemals vergessen werden!

  3. @chartus hmnaja, keine Ahnung, was den Feiertag angeht.

    @nedfuller ich finde diese biographischen Unterschiede krass. Aber klar, „drüben“ war das sicherlich auch viel persönlicher relevant.
    Und ich will die Leistung gar nicht verurteilen oder abwerten, ich finde es nur erstaunlich, wie emotional bewegt das *damals* für viele Westler war, die keine direkte Beziehung dazu hatten.

  4. Pingback: 9. November – Ostwestvorteil « Habt ihr nichts anderes zu tun?

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